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Ich hatte einen bösen Traum

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Ich hatte einen bösen Traum | story.one

Ich hatte einen bösen Traum heut' Nacht. Er raubte mir den Schlaf.

Ich sah Tote. Sie wurden auf Armeefahrzeugen wegtransportiert. Lastkraftwagen um Lastkraftwagen. Aus den Ladeflächen tropfte Blut. Schweres Blut. Mitten in diesem Konvoi bewegte sich ein dunkles Ungetüm. Massiv beladen. Ich konnte die Fracht erst nicht erkennen. Doch das Gefährt kam auf mich zu, und ich erschauderte. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie hatten die Demokratie verladen. Unverhüllt. Mit Kabeln gefesselt und geschnürt. Eine Fortschaffung in dunkler Nacht.

"Alle Macht geht vom Volk aus", stand mit großen Lettern auf Monumenten geschrieben. Ein Gefangenentransport entwurzelter Mahnmale. Es war finster und kalt. Ich kniff die Augen zusammen und erfasste die vorderen zwei: Das eine Monument trug die israelische Flagge, das andere die ungarische. Beide Inschriften waren mit schwarzen Kreuzbalken durchgestrichen. Aus den Fenstern des Kraftfahrzeug-Führerstandes ertönten die Hymnen dieser zwei Länder. Ein dunkler Fluss an Blut und Tränen quoll von der Ladefläche.

Eine dritte Hymne setzte ein. Ich zuckte hoch. "I am from Austria", schallte es durch meinen Kopf. Ich sank zurück in den Halbschlaf. Nein, es war eine andere Hymne. Ich konnte sie nicht fassen. Ich griff nach den Bildern und Geräuschen, aber konnte sie nicht scharfstellen. Ich hörte Stimmen. Staatsmänner mit Ansprachen.

"Wir sind im Krieg", riefen sie. Ich mochte diese Reden nicht. "Wir sind nicht im Krieg. Wir sind in einem Kampf. In einem brutalen Kampf", sagte ich. "Wo ist der Unterschied?", fragte mich einer der Staatenführer. Ein stechender Schmerz durchfuhr mich.

Es kamen Männer, die mir befahlen zu schweigen: "Du hast deinen Auftritt gehabt. Halt jetzt das Maul!" Ihre Uniformen martialisch, die Hoheitszeichen entfernt. "Wer seid ihr?", fragte ich sie. "Wir haben die Macht", sagte einer und drückte die Mündung seines Sturmgewehrs auf meine Stirn. Ich fuhr hoch.

"Ja, ich lebe noch!", schüttel ich mich ab. Da draußen tobt ein Kampf. Wir sind mittendrin. Wir sind Demokratie. Alle Macht geht vom Volk aus. Nicht Politiker machen die Demokratie, das Volk macht sie. Sich in die eigenen Angelegenheiten einmischen: als Bürger*innenpflicht. Politik ist der Ort, wo wir uns ausmachen, wie wir miteinander leben.

Ich sinke zurück in den bösen Traum. "Ich bin Vater, Autor, Unternehmer, Publizist ... ich bin FREIER Bürger eines FREIEN Landes!", herrsche ich ihn an und drücke den Gewehrlauf aus meinem Gesicht. "Wage es nicht, mir zu drohen!" Unsere Blicke prallen aufeinander wie zwei Galaxien. Ich schieße hoch. Ich bin hellwach. Ich bin um den Schlaf gebracht.

22.03.2020, 2.20 Uhr

© Matthias Strolz 2020-03-22

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