skip to main content

#corcooning

Ja, es tut weh. Aufbruch folgt.

  • 674
Ja, es tut weh. Aufbruch folgt. | story.one

Gestern weinte meine Nachbarin. Es brach im Hauseingang aus ihr heraus. Sie hatte gerade ihrer Freundin beim Umzug geholfen. Es war ihre erste Fahrt in die Stadt seit Beginn des Ganzen. „Ich konnte sie nicht einmal umarmen“, schluchzte sie.

„Er ist allein gestorben. In seiner Wohnung. Sie mussten die Tür aufbrechen“, so die SMS eines Freundes. Ein früherer Weggefährte wurde vom Virus hinweggerafft.

„Ja, gekillt. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Vielleicht verkaufen wir unser Haus“, berichtet ein befreundeter Kleinunternehmer. „Uns geht es jetzt allen an den Kragen“, setzt er nach. „Da werden viele nicht mehr aufstehen.“

Die Krise bekommt ein Gesicht, viele Gesichter. Waren es zuerst Nachrichtenmeldungen, wird es nun konkretes Leben, konkreter Tod. Jeden Tag ein Stück mehr. Es wird nicht morgen vorbei sein. Auch nicht übermorgen. „Wir werden uns erst 2022 wieder die Hände schütteln“, meinte ein Virologe im Radio. „Der hat einen Vogel“, sag’ ich mir. Mein innerer Revoluzzer steht auf. Am liebsten würde ich in die Straßenbahn steigen und wahllos Menschen begrüßen. Mit Handschlag, Umarmung. „Wer seid ihr, mir das zu verbieten?“, pulst es in meinem Kopf.

Dann krieg’ ich mich wieder ein. Zieh’ mir eine Dosis Internet rein – Infektionsstatistiken, Arbeitslosenzahlen, Verschwörungstheorien. Was halt so reinkommt. Oder wende mich den Kindern zu. Homeschooling hat was, jedenfalls was Füllendes für den Familienalltag. Oder ich räume den Geschirrspüler aus. Das gefühlt dritte Mal heute.

Ein Kaffeehäferl gleitet mir aus der Hand. Aufprall. Zerlegt in 100 Teile. „Scheiße!“, sag’ ich. Drei Mal. Und schau’ mich um, ob die Kinder mich gehört haben. „Scherben bringen Glück“, träller’ ich wischend vor mich hin.

„Papa, von was werden wir leben?“, fragt mich eine Tochter. „Ihr verdient ja beide nichts mehr.“ „Weißt du, wir kommen da gut durch. Das geht sich bis Herbst aus“, lautet meine Antwort. Ich rechne nochmals nach. Das mache ich derzeit öfter. Und denke mir jedes Mal, wie heftig es sein muss, wenn es sich nicht ausgeht. Ich kann die Angst erahnen, den Schmerz, die Wut.

Ich diskutiere das mit meiner Frau. Wir sind uns einig: An manchen Tagen geht es uns besser von der Hand, an anderen schlechter. Es werden noch viele Tage kommen, an denen wir Gelassenheit und Akzeptanz üben können. Wir werden uns auch in Aggression und Trauer spüren. Diese Gefühle werden wichtig sein, um das zu bewältigen, was noch auf uns wartet. Viele Dimensionen der Krise sind erst im Ansatz (be)greifbar. Es wird uns allen viel abverlangen. Wir werden es schaffen. Weil wir es noch immer geschafft haben.

„Krise, du kannst mich mal“, schwing’ ich mich auf mein Fahrrad, um ein Stück Frühlingssonne zu erhaschen. „Die Zeit danach wird ein Aufbruch sein. Darauf freu’ ich mich schon“, denk’ ich mir. Bei unserem Müllcontainer treffe ich meine Nachbarin. „Ballast abwerfen. Das tut gut“, meint sie. Heute lächelt sie. Ich lächle zurück. Wir wachsen. Gemeinsam mit der Krise.

© Matthias Strolz 2020-05-08

corcooning

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um Matthias Strolz einen Kommentar zu hinterlassen.