Liebeserklärung an die Geistesrepublik

„Sie haben ja Recht. Aber wir kennen das - ein Strohfeuer“, sagte eine ältere Dame, als ich sie auf dem Weg in meine Unterkunft überholte. „Was meinen Sie mit Strohfeuer?“ fragte ich. „Wir haben da heroben immer wieder mal Palastrevolutionen. Der André Heller hat Ende der 70er den Freistaat Artopia ausgerufen, mit eigenem Passsystem und Fernsehsender. Ein Leuchtfeuer. Aber es erlosch schnell wieder.“ Ich begann zu verstehen. „Nein, wir werden weiter brennen!“, sagte ich mit Überschwang. Ich bemerkte, dass mein Enthusiasmus beeindruckte. „Wir werden ja sehen. Bleiben wir in Kontakt. Hier meine Karte“, bestärkte die Neubekanntschaft meinen Eifer.

Die beiden vorangegangenen Nächte hatten wir im Kreis junger Stipendiatinnen und Stipendiaten mit der Planung unseres „Aufstands“ zugebracht. Wir schrieben August 1997 und ich war als Vorsitzender der Hochschülerschaft an der Uni Innsbruck zum zweiten Mal beim „Forum“. Es war für mich Liebe auf die erste Begegnung hin: Alpbach, inmitten von Bergen, der Horizont so weit. Intellektuelle Sommerfrische, neue Welten, spannende Menschen. Doch wir waren als „junge Alpbacher“ auch genervt von den langatmigen Podien, die von älteren Männern dominiert wurden, die sich offensichtlich untereinander kannten und einander Erwartbares ausrichteten. Wir sehnten uns nach Widerspruch, nach Buntheit, nach modernen Formaten des Austauschs. Für „Eingeweihte“ gab es einen „Club under 40“, um kritische Gedanken zum Forum einzubringen. Bei uns kam an: „Unter 40 den Mund halten!“ Das befeuerte unseren Revoluzzergeist.

„Alpbach – ein Idee kommt in die Jahre“, so formulierte damals eine Tageszeitung ihre Kritik. Wir „Jungen“ rangen nun darum, wie wir unseren Protest vortragen wollten. Für den 23. August 1997 luden wir schlussendlich zur „Liebeserklärung an die Alpbacher Geistesrepublik“. Schon in der Einladung formulierte wir unsere Visionen und unsere Wünsche. „Wir wünschen uns mehr Mut zur Veränderung, mehr Sensibilität in der Auseinandersetzung, mehr Zuhören statt Inszenieren, mehr Kreativität statt Ignoranz, mehr Bodenhaftung statt Überheblichkeit, mehr Sein als Schein.“ Es kamen 80 Menschen, und in der ersten Reihe saßen der Präsident und der Vizepräsident des Europäischen Forums. Damit war unsere Revolution offiziell. Und auch in der Pflicht.

Wir gründeten die Initiativgruppe Alpbach Innsbruck, sodann Gruppen in Brüssel und Wien. Unsere „Liebeserklärung“ war heftig und ansteckend. Heute gibt es über 30 solche Vereine – von Großbritannien bis Armenien. Von damals 120 jungen Menschen konnten wir auf heute über 750 Stipendiatinnen und Stipendaten aufstocken. Gemeinsam haben wir Alpbach ins 21. Jahrhundert geholt.

Meine Neubekanntschaft besuchte ich dann auch in ihrer Wiener Wohnung. Es war die Ärtzin Elisabeth Herz-Kremenak. Sie vermachte später ein Teil ihres Vermögens dem Forum. Heute ist im neuen Congress Centrum ein Saal nach ihr benannt.

© Matthias Strolz