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Mein Tempel des Lebens

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Mein Tempel des Lebens | story.one

„Hier bin ich daheim!“ Keine IKEA-Werbung, ich rede von meinem Körper. Seit vielen Jahren nun schon lerne ich, meinen physischen Körper mehr zu respektieren. Ich bin ein ziemlicher Anfänger.

Bis ins Erwachsenenalter hatte ich kein ausgeprägtes Körpergefühl. Ich war immer gesund und leistungsfähig. Als Bergbauernbub lernte ich, dass der Körper vor allem ein Instrument sei, um Arbeit zu verrichten. Zu Sport hatte ich wenig Bezug. In der Volksschule gab es eine Strafe, wenn wir den Ball mit dem Fuß kickten. Den Sportunterricht, den ich aus dieser Zeit erinnere, ist langes Links!-Rechts!-Exerzieren. Später wollte ich zum Fußball- und Tennisklub. Da ich schon beim Musikverein war, gab es ein elterliches Veto. Schwitzen, ohne Arbeit zu verrichten, war für alemannische Bergbauern in den 1980er-Jahren kein nachvollziehbares Konzept. Dafür bekam ich viele andere, wertvolle Zutaten in meinen Rucksack fürs Leben: Urvertrauen, Naturverbundenheit, Ausdauer, Lebendigkeit, unbändiges Interesse an der Welt. Davon sollte später auch mein Körper profitieren.

Mit 16 schlich sich bei mir eine Hautkrankheit ein. Die Antworten der Schulmedizin waren unbefriedigend. Meine Mutter schickte mich zu einer Alternativmedizinerin. Spannend. Sie stellte mir Fragen, die mir bisher niemand gestellt hatte. Sie hörte zu. Sie setzte mich auf meine eigene Fährte. Selbsterforschung – ein Abenteuer, das voraussichtlich bis zu meinem letzten Atemzug anhalten wird.

Mein Lernfortschritt ist mitunter bescheiden. In jahrelanger Kleinarbeit trage ich meine Ignoranz ab. Im Vergleich zu meiner Frau erkenne ich immer wieder, wie viel Luft nach oben ich noch habe. Doch meine „Körperentdeckungsreise“ ist munter unterwegs. Gerade lese ich ein Buch über Chakra-Arbeit. Ziemliches chinesisch, oder halt indisch. Aber irgendwie spüre ich: Das hat was.

Mit der Zeit werden meine Körperwahrnehmungen klarer. Um in ein gutes Wahrnehmen zu kommen, brauche ich Ruhe, einen geschützten Raum.

Zu Beginn des Jahres war ich auf Reise mit mir selbst. Nach meinem Ausstieg aus der Politik hatte ich mir vorgenommen, einmal im Jahr allein den Rucksack zu packen. So startete ich über Bangkok nach Hanoi. Ein Feuerwerk an Eindrücken. Wie ein Bub zog ich durch die Straßen und Gassen, staunte an jeder Ecke. Als ich am vierten Tag im Bett lag, befragte ich meinen Körper. „Wie geht’s dir?“ „Gib mir Ruhe“, sagte er. Ich war stolz, ihn zu hören. Am nächsten Tag setzte ich mich auf eine Insel ab. Eine Woche Stille, Mediation und Yoga. Ich wollte wissen, ob Letzteres mit meinem Bandscheibenvorfall noch geht . „Tu, aber in Maßen“, sagte er.

Ja, mittlerweile rede ich mit meinem Körper. Selbstgespräche der anderen Art. Ich habe begriffen, dass mein Körper mein Zuhause ist. Der Tempel meines irdischen Lebens. Und noch viel mehr: ein Resonanzkörper des Universums. Wenn ich nachspüre, was ich noch alles entdecken werde, wird mir ganz anders. Knapp an der Gänsehaut. Das macht mich froh.

© Matthias Strolz 2020-08-07

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