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Mensch, was bin ich?!

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Mensch, was bin ich?! | story.one

Was ist der Mensch? Eine kurze Frage – mit großen Auswirkungen. Je nachdem, wie wir sie beantworten. Deine persönliche Antwort ist der Dreh- und Angelpunkt deines Lebens. Gerade in Zeiten grober Verwerfungen sind wir eingeladen, uns dieser Frage zu widmen. Kommen wir zu neuen Antworten, dann bebt unsere Welt. Unser Sein und Tun verändern sich, unser Alltag wird aus den Fugen gehoben. Wir begeben uns auf eine neue Ebene.

Ich halte uns Menschen für außerzeitliche Wesen, die mit der Ankunft auf diesem Planeten in einen vergänglichen Körper schlüpfen. Damit binden wir uns für die Dauer unseres irdischen Daseins in Raum und Zeit. Unser Wahrnehmungsapparat und Denken verschleiern den Blick in die Unendlichkeit und auf das kosmische Ganze. Wir begeben uns in das Abenteuer Menschsein. Hineingeboren in vielfältige Spannungsbögen, entfaltet sich Lebendigkeit.

Hell und Dunkel. Sie sind unverhandelbarer Teil von uns. Die Angst, die Verzweiflung, das Misstrauen, der Hass, die Missgunst, der Neid, die Aggression – sie sind angelegt, in jeder und jedem von uns. Ebenso die Liebe, das Mitgefühl, der Frohmut, die Zuversicht, die Anteilnahme, die Lebensfreude. Es steht nicht in unserer Macht, Hell oder Dunkel zu beseitigen. Aber es steht in unserer Macht, sie zu kultivieren, sie zu nähren, sie in Schranken zu weisen.

Sachzwänge dirigieren uns, Hormone steuern uns, Erziehung prägt uns, das politische System lenkt uns … und wir bleiben wundersame Geschöpfe des freien Willens. „I am the master of my fate: I am the captain of my soul“, schrieb der englische Schriftsteller William E. Henley. Er beschreibt dabei sein Ringen mit der Knochentuberkulose und den Kampf um sein zweites Bein, nachdem ihm das erste abgenommen wurde.

Ich musste vor gut einem Monat an diese Zeilen denken, als ich in Soweto – im Südwesten von Johannesburg – vor dem ehemaligen Wohnhaus von Nelson Mandela stand. „Ich bin der Meister meines Schicksals. Ich bin der Käpt’n meiner Seele.“ Das war eines seiner Mantras, aus denen er während seiner 27 Jahre Haft als politischer Gefangener Kraft und Trost schöpfte. Er hat die Freiheit in seiner Gefangenschaft nie ganz verloren. Und er war vielfach gebunden, als er schlussendlich wieder frei war. Ich sehe sein Lächeln auf einer Teepackung, die als Souvenir auf meinem Schreibtisch steht. Ich höre die vielen Zweifel, die mir schwarze Südafrikaner*innen in Gesprächen über Madiba, ihren Tata, ihren großen Vater, berichteten. Er habe zu viele Kompromisse geschlossen, meinten sie. Das hat mich sehr beschäftigt, berührt.

Nein, es gibt kein menschliches Leben ohne Ambivalenz. Sie ist schon bei Kindern angelegt: Sie gehen in Wettbewerb und Kooperation. Sie sind laut und leise. Kuschelig und abweisend. Kraftvoll und müde. Engelhaft und Nervensägen. Frohlockend und traurig ... Und jeder Spannungsbogen ist ein Trampolin für Lebendigkeit.

Menschenkinder eben. Wundersame Wesen auf Besuch auf einem wunderbaren Planeten.

© Matthias Strolz 03.04.2020

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