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Schönheit und Anmut

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Schönheit und Anmut | story.one

Ich war auf einem viertägigen Retreat im Helenental, vor den Toren Wiens. Am vorletzten Tag waren wir eingeladen, auf einen Medicine Walk zu gehen. Die Medizinwanderung ist die „kleine Schwester“ der „Vision Quest“, der mehrtägigen Visionssuche in der Wildnis. Die meisten Menschen kennen die kraftspendende Wirkung der Natur, haben erlebt, wie wohltuend und klärend eine Wanderung sein kann. Der Medicine Walk sollte uns dabei helfen, im Spiegel der Natur Lebensthemen zu reflektieren. Die Natur ist eine großartige Partnerin. Sie bewertet und interpretiert nicht. Sie nimmt dich, wie du bist.

In aller Früh verabschiedeten wir uns aus der Gruppe und jeder ging seinen Weg. Ich kannte das Umfeld von früheren Aufenthalten und entschied mich für das Neue - quer durchs Gebüsch, durch Dornen und hohes Gewächs. Voller Entdeckung und Abenteuer sollte es werden. Ich wurde sogleich nass und dreckig, holte mir Kratzer. Doch ich gewann zügig an Höhe. Ich sah das Tal, die Häuser der Menschen und staunte mit den Augen eines Kindes. Es zog mich weiter hangaufwärts. Ich ging auf den Pfaden der Tiere. Aus der Ferne grüßte ein Hahn, ich hörte Hunde bellen.

Plötzlich brach über der Geländekante vor mir etwas Großes aus dem Gebüsch. Ich hörte das Knacken der Äste, Steine rollten den Hang hinab. Ich erschrak und war doch magisch angezogen. Vorsichtig bewegte ich mich vorwärts. Ich konnte nichts erkennen und setzte meine Tour fort. Auf einer Lichtung traf ich auf Vögel, die einen Morgenkreis abhielten. Fröhliches Gezwitscher. Ich sprach mit den Schwarzföhren. Sie wiesen große Einschnitte an ihren Stämmen auf. Die sogenannte „Pecherei“ diente hier über lange Zeit der Gewinnung von Baumharz. Aus diesem „Pech“ wurden chemische Produkte hergestellt. Schon die Römer kannten diese Technik. Und das Pech aus dieser Region hier soll eines der besten der Welt gewesen sein. „Was für ein Glück“, denke ich mir und bedanke mich bei einem der Bäume für seinen Dienst. „Wie kann man mit solch großen Narben so gut leben?“, frage ich. Er schweigt.

Es beginnt leicht zu regnen. Ich begegne einem Salamander. Als ich aufblicke, steht 30 Meter vor mir eine prächtige Gämse. Die hatte ich so nahe am Tal nicht erwartet. Mit regloser Würde blickt sie in meine Richtung. Quer über den Hang springend gesellt sich eine zweite dazu. Stille. Anmut. Ich bin glücklich. Verbunden. "Meine Gämsen. Ihr zwei Schönen. Ich bin's, euer Wanderer, ein Mensch."

Die Sonne bricht durch den Nebel. Es wird hell. Ein weißes Leuchten. Die Farben des Herbstes strahlen, die Vögel jubilieren. Ich stehe hier für Stunden. Oder waren es Minuten? Ich weiß es nicht. Ich bin aus der Zeit gekippt.

Wir heben unsere Köpfe zum Gruß. Sie entschwinden mit kühnen Sprüngen. Ich setze mich auf einen Baumstamm und blinzle in den Himmel. „Ich schick dir eine Umarmung“, flüstere ich. „Ich bin's, ein vergänglicher Teil von dir. Ein Tropfen Zeit in einem Wald voller Tropfen.“

Heimwärts jetzt. Alles ist gut. Und schön.

© Matthias Strolz 2020-04-17

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