#corcooning

Warum ich? Warum mir? Warum gerade jetzt?

  • 6.329
Warum ich? Warum mir? Warum gerade jetzt? | story.one

Auf meinem Mittagsspaziergang bin ich heut‘ in ein Hundstrümmerl gestiegen. Ja, Hundekot. Frischgemacht.

„Warum ich? Warum muss das mir passieren? Warum gerade jetzt?“ Wir alle kennen diese Selbstgespräche. Nicht nur mit Blick auf unseren Schuh. Auch im größeren Stil, so Krisen-Style: Ich habe mich gerade beruflich neu erfunden. Nach einem Jahr Aufbauarbeit war ich dort, wo ich hin wollte. Und nun? Ein Virus später …

Jetzt könnte ich mich maßlos ärgern – über das Kleine wie das Große. Doch ich habe beschlossen, mein Gesicht in die Frühlingssonne zu halten. Meine – wirtschaftliche und schuhmäßige – Sohle anzunehmen. Ich pfeiff‘ aufs Warum.

Warum? Weil diese Frage nicht hilfreich ist. Sie liefert uns keine befriedigenden Antworten. Viktor Frankl als Begründer der Logotherapie meinte, dass uns bei inneren oder äußeren Bedingungen, an denen wir nichts ändern können, die Frage nach dem Warum mehr blockiert als weiterbringt. Weil sie den Fokus auf die Vergangenheit und das Problem legt.

Energy flows, where attention goes – die Energie fließt dorthin, wohin wir unseren Aufmerksamkeitsfokus richten. Mit dem Warum bleiben wir im Problem gefangen. Wir kreisen um Ärger, Enttäuschung, Schmerzen. Wir finden keinen Ausweg.

Jene, die gerade Schmerz erfahren, könnten nun einwenden: „Danke fürs Gscheiterln. Kannst dir behalten, Theoretiker!“ Doch Viktor Frankl war ein ziemlicher Praktiker. Er überlebte vier Konzentrationslager, darunter Auschwitz. Er plädierte dafür, den Fokus auf die gestaltbare Zukunft zu lenken: „Wozu fordert mich das Erlebte heraus?“ So wechseln wir von der Opferhaltung in die Rolle des Gestalters. Wir werden vom Statisten zum Regisseur, von der Passagierin zur Pilotin unseres Lebens.

Wenn ich Verantwortung für meine Antworten übernehme, gehe ich in die Freiheit, mein Leben selbst zu gestalten. Auf unserer Plattform story.one hat Gregor Demblin gerade damit begonnen, Geschichten von Menschen mit Behinderungen zu sammeln. Über 15 Millionen Betroffene allein im deutschen Sprachraum sind derzeit eine besondere Risikogruppe. Wie organisiert man Beruf und Alltag, wenn persönliche Assistenz ausbleibt oder dringend benötigte Medikamente schwer zu kriegen sind?

Die Erzählungen sind berührend, voller Kraft. Gregor selbst ist so eine Geschichte. Während seiner Maturareise war es ein Sprung ins Meer, der ihn in die Querschnittslähmung führte. Es war ein wildes Ringen mit seinem Schicksal, erzählt er mir. „Warum muss ich weiterleben?“, habe er sich damals gefragt. Heute ist er Ehemann, vierfacher Vater, vielfach ausgezeichneter Unternehmer.

Die letzte Freiheit, die uns immer bleibt, ist die Haltung, die wir zu den Umständen einnehmen. Im Großen wie im Kleinen. Mein Hundstrümmerl hab' ich gleich zum Anlass genommen, zu trainieren. Glücklich und zuversichtlich zu sein, kann man üben. Ich habe mich über die Blumen am Wegrand gefreut.

© Matthias Strolz 02.04.2020

#corcooning