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Wovor hast du Angst?

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Wovor hast du Angst? | story.one

„Wovor haben Sie Angst?“, wurde ich als Politiker öfter gefragt. Sollte ich diese Information öffentlich liefern? Ich hatte Fantasien, was Mitbewerber damit anstellen würden. Oder sollte ich den Weg gehen, den zu viele Politiker gehen. „Ich habe vor nichts Angst“, sagen sie.

Menschen in Spitzenverantwortung, die behaupten, vor gar nichts Angst zu haben - oje. Ich halte das für „trumpesk“. Und sehe drei Möglichkeiten:

A) Sie hören die Frage gar nicht richtig, antworten mit einer taktischen Schablone, die sie für sozial erwünscht halten. Mit einer Lüge, die sie nicht einmal bemerken.

B) Sie lügen bewusst. Und man soll nicht lügen. Ja, manche halten die Verweigerung der Lüge für naiv und unprofessionell. Sie betrachten sie als Standardinstrument. Ich will mich daran nicht gewöhnen.

B) Sie spüren sich nicht mehr. Der Schutzpanzer und die Abkapselung haben sich verwachsen, sodass die Selbstwahrnehmung blockiert ist. Das kann sich steigern – über Zynismus und Arroganz bis hin zur narzisstischen Störung.

Ängste gehören zum Menschensein dazu. Es ist eine Qualität, sie wahrzunehmen. Sie einzufangen, einzuordnen. Denn freilich ist es elend, von ihnen geritten zu werden. Wir sollten nicht Passagier unserer Ängste sein. Das macht krank, raubt Lebensfreude.

Wir sollten Ängsten einen Platz und eine Rolle geben. Sobald beispielsweise das Unbekannte im Spiel ist, sitzt die Angst mit im Boot. Sie ist wichtige Hinweisgeberin: Sei vorsichtig, gehe mit Bedacht! Wir sollten sie willkommen heißen, kennenlernen. Doch falls sie das Kommando übernehmen will, sollten wir sie auf ihren Platz verweisen: „Setzen! Du bist Wächterin, nicht Reiseleiterin.“ So bleiben wir Pilot*in unseres Lebens.

Ängste sind hochsubjektiv. Unlängst erlebte ich einen reichen Mann, der Angst vor Armut hatte. Meine Nachbarin hat Angst vor Katzen. Ich vor Dunkelheit nachts allein im Wald oder am Berg. Das ist reichlich irrational. Eher werde ich in der Wiener Innenstadt überfahren, als auf einer Bergspitze überfallen.

Ich begann das Thema zu beforschen. „Der schrecklichste Drache hütet das Wertvollste“, sagt ein asiatisches Sprichwort. Der Mythenforscher Joseph Campbell meint: „Nur wenn wir in den Abgrund hinabsteigen, finden wir die Schätze des Lebens. Dort, wo du stolperst, liegt dein Schatz.“

Wo die Knie schlottern, dort sollst du graben! Dein Angstgarten ist dein Schatzgarten. Davon bin ich mittlerweile überzeugt. Als ich mich vor neun Jahren für fünf Tage in den Wald legte, um mich mit meinen Ängsten zu konfrontieren, wurde ich reich belohnt. Ich bekam mein „Lied des Lebens“. Klarheit am Inneren Ort. Die machtvollste Intervention meines bisherigen Erwachsenenleben – neben Heiraten, Papa-Werden, später Partei-Gründen.

Nun halte ich gelegentlich ein Rendezvous mit meinen Ängsten. Gerade in Zeiten des Wandels. Das Unbekannte braucht die Angst, um bekannt zu werden. „FEAR – Face everything and rise!“, hängt über meinem Schreibtisch.

© Matthias Strolz 15.04.2020

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