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#geheimnis#wohngemeinschaft#studentenzeit

Berauschende Botanik

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Berauschende Botanik | story.one

Als ich noch studierte wohnte ich in in einer billigen, kleinen, aber sehr lustigen Wohngemeinschaft. Ebenfalls mit einem Südtiroler. Was ich allerdings nicht wußte, bevor ich einzog, war dessen Leidenschaft zu berauschenden Gewächsen und auch nicht, dass eben diese auf unserem Balkon angebaut und liebevollst betreut werden sollten. Ebenso in seinem Kasten befand sich das wuchernde Kraut unter einer flackernden UV-Lampe. Ich teilte seine Leidenschaft nicht und versuchte mich voll und ganz auf mein Studium zu konzentrieren. Gemeinsames Kochen, Karten spielen und viele andere, lustige Abende haben wir zusammen verbracht, er oft besagtes Kraut rauchend und auf der Couch liegend. Damals hab ich mir eigentlich nicht so viel dabei gedacht. Es war einfach so.

Schon frümorgens war der Typ am Trip. Er kratzte die Kraut-Krümel vom Vorabend zusammen, was sich in stöhnendem, am Bauch liegenden Herumgerobbe rund um die Couch äußerte. Danach rauchte er glücklich grinsend die Reste des Vorabends, schnappte sich den Staubsauger und „flog“ durch unsere WG. Er meinte damit wirklich zu fliegen, bis die Wirkung abließ. Manchmal amüsiert, manchmal genervt brach ich danach auf zur Uni. Regelmäßig einmal im Monat habe ich ihn rausgeworfen um mal alles so richtig durchzuputzen. Er durfte die Wohnung dann immer erst abends wieder betreten, ohne Schuhe.

Eines Nachts kam ich in unsere total verqualmte Küche, in der er saß und sinnierte, um mir einen Tee zu kochen. Nach einer Weile begann ich mich etwas komisch zu fühlen. Immer wieder mußte ich mein Gesicht berühren, meine Arme, mein ganzer Körper fühlte sich so eigenartig an und leichte Übelkeit überkam mich. Bis ich erkannte, dass ich wohl oder übel miteingeraucht wurde und sofort alle Fenster aufriss.

Eines Tages läutete es an der Tür. Wir bekamen nie Besuch, also ging ich zur Sprechanlage und fragte "Hoi! Wer da?". Dann hielt ich die Hand vor den Hörer, drehte mich um und flüsterte: “Eh... Polizei!" Mein Mitbewohner rannte wie von der Tarantel gebissen durch die Wohnung und innerhalb von Minuten wurden sämtliche Balkonpflanzen "über Bord" geworfen, das Gras von der Küche die Toilette runtergespült, mit dem Staubsauger die letzten Reste vom Sofa eingesaugt. Noch nie habe ich ihn so flitzen gesehen. Nun konnten die Beamten kommen. Als ich den Türöffner drückte sagten sie aber über die Sprechanlage "Nein, nein, wir kommen nicht hoch. Wir möchten sie nur bitten, ihr Auto umzuparken, da der örtliche Umzug sonst nicht durchkommt."

Ich antwortete, dass wir gar kein Auto besäßen, worauf der Beamte meinte: „Ach so, dann verzeihen Sie die Störung!“

Nun stand er da, mein WG-Genosse, schwitzend, völlig außer Atem, wie ein begossener Pudel und ich konnte nicht anders, als mir vor Lachen den Bauch zu halten. Nie wieder habe ich so gelacht, wie damals. Von nun an war Schluss mit der Raucherei, und man konnte auch den Balkon wieder betreten ohne das wuchernde Grün, obwohl das eigentlich ganz hübsch aussah.

© Maurizio Di Pietro 2019-06-02

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