Begegnung am Mekong Fluss I

Phnom Penh, Kambodscha, Teil 1

Die mörderische Geschichte der "Roten Khmer" lastet schwer auf dieser Stadt. Eine Frau mit schwarzem Rock und weißer Bluse sitzt mir schräg gegenüber. Unverkennbar ist sie eine Khmer, doch trägt sie westliche Kleidung. In ihren ernsten Gesichtszügen liegt ein verhaltenes Lächeln. Die Lippen sind geschlossen, der Blick in die Ferne gerichtet, so weit weg, als wäre sie gar nicht anwesend.

Auf der Dachterrasse des Foreigner Correspondent Club (F.C.C) in Phnom Penh. Wo sich während des Vietnam Krieges die Reporter getroffen haben, um Meinungen auszutauschen, Berichte zu schreiben und diese an ihre Redaktionen in Europa und Amerika zu telegrafieren. Der Blick von dieser Dachterrasse fesselt den Besucher. Er kommt wieder. Vorne, gleich hinter der Uferpromenade, schlängelt sich der Mekong, träge fließend mit zahlreichen Pflanzeninseln durch die flirrende Hitze der Stadt. In Kriegszeiten hat der Fluss hunderte leblose Körper vom Norden her abgetrieben. Gläubige Buddhisten haben manche Leiche aus dem Wasser gefischt, um den Verstorbenen eine würdige Feuerbestattung zu schenken.

Der Mekong, von seinen Quellen aus China kommend, ist der Schicksalsfluss für mehrere Länder Asiens. Er fließt durch China, Myanmar, Thailand, Kambodscha und mündet in Vietnam in das Südchinesische Meer. Die Anrainer ernährt er durch seinen Fischreichtum und über das Grundwasser spendet er für die Landwirtschaft das unentbehrliche Nass.

Blickt man vom F.C.C in den Hinterhof, so geht der Blick auf den Königspalast. Aus Gold glänzende Kuppeln und Dächer, ein protzig zur Schau gestellter Kontrast zu den ärmlichen Verhältnissen, in denen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung leben muss. Dennoch liebt das Volk seinen König. Weil er sich auf göttliche Abstammung beruft und eine Vermittlerrolle zwischen Himmel und Erde einzunehmen behauptet. Wer will es sich schon mit einem himmlischen Vermittler verscherzen? Reine Glaubenssache halt, wie überall auf der Welt.

Die schöne Unbekannte kommt jeden Tag in das Cafe, immer am selben Tisch Platz findend. Ohne danach zu suchen. Die Kellner kennen sie. Ihr Auftreten und die Körpersprache zeigen eine Eleganz, die mit einer Spur Tristesse vermischt ist. So etwas, wie erhabene Melancholie. Mit erhobenem Kopf. Was führt die Frau immer wieder hierher? Die Ober wechseln freundliche Worte mit ihr, manchmal lacht sie und ergreift mit beiden Händen die dargebotene Hand. Sie sitzt allein an ihrem Tisch, den Blick auf den Mekong gerichtet. Vom Alter her wird sie den Bürgerkrieg und den schrecklichen Brudermord der Roten Khmer nicht erlebt haben. Dafür ist sie zu jung. Ihre Eltern und auch Geschwister sind vermutlich getötet worden. Oder gefoltert und anschließend getötet. Das war bei den Roten Khmer so üblich. Meine Stimmung ist sonderbar schwer. Da liegt etwas im Raum, von dem ich nichts weiß.

© Maximilian Gstöttner