Das Spital - Die Aufklärung

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Das Spital  -  Die Aufklärung | story.one

Wo bin ich nur hingekommen?

Die Kabine ist ganz gut, aber der Service an Bord ist miserabel.

Nicht einmal einen "Manöverschluck" haben sie hier, wie beim Auslaufen einer Segelyacht aus dem Hafen. Auch nicht zur Begrüßung.

Die Matrosen sind allesamt als Krankenschwestern verkleidet, einen 1. Offizier habe ich überhaupt noch nicht gesehen.

Das ganze kommt mir eher wie ein Krankenhaus vor.

In welchem Film bin ich da hineingeraten und wer spielt welche Rolle?

Am Abend vor der geplanten Operation kommt der Turnusarzt an mein Bett und sagt zu mir:

"Entschuldigen sie bitte, ich muss sie noch aufklären!"

"Ob das bei meinem Jahrgang nicht schon zu spät ist?"

Die notwendige Aufklärung zur geplanten Operation hatte ich ohnedies schon vor Wochen gehabt.

Diese war wirklich gut und nicht ohne Humor.

"Die Prostata werden sie wohl bei uns lassen müssen."

"Ich habe ohnehin nicht vorgehabt, sie wieder mit nach Hause zu nehmen."

"Warum muss ausgerechnet ich diese Diagnose bekommen?"

"Die Frage ist falsch gestellt. Die Antwort lautet nämlich, warum nicht?"

"Es gibt schlimmeres, als diese Operation!"

"Ja, schon, aber ich kann mir auch Lustigeres an dessen Stelle ausdenken."

"Der Eingriff ist Roboter- unterstützt und wird ca. drei Stunden dauern. Das ist für sie egal, denn sie schlafen ohnehin und wir können ruhig und ohne Stress arbeiten."

"Ja, das überzeugt und beruhigt mich."

"Bei den möglichen Komplikationen müssen wir gesetzlich alle anführen, auch wenn sie sehr unwahrscheinlich sind, wie das Nicht- Aufwachen aus der Narkose oder das Verbluten am Operationstisch."

"Das beruhigt mich schon nicht so sehr."

"Das Aufklärungsgespräch dient nicht zur Beruhigung, sondern ist eine rechtliche Notwendigkeit."

"Die häufigsten Nebenwirkungen sind Inkontinenz (Harnverlust) und eine zeitlich begrenzte erektile Impotenz."

"Kann ich mir das aussuchen?"

"Nein."

"Ich mag nämlich beides nicht!"

"Danke, das reicht schon."

"Sie müssen mir aber zuhören, bis ich zu Ende bin!"

"Ja, Herr Chirurg, ich leiste keinen Widerstand, in meiner Rolle geht das nicht."

Zwei Wochen vor dem Eingriff hat mir in einem Segelhafen eine böswillige Person zugerufen:

"Du hast ja ohnehin ein Ablaufdatum!"

Das war sicherlich die schlimmste Version einer "Aufklärung."

Ende gut. Alles gut.

Ich sitze hier und kann nach zwei abgelaufenen Jahren eine Story darüber schreiben.

Ob ich diesen Eingriff weiter empfehlen kann?

Ja, schon. Wenn er notwendig ist, kann er die Lebensqualität erhalten.

Aber, wie schon gesagt, es gibt auch Lustigeres,

als Roboter gestützt operiert zu werden.

In jedem Fall - genießen sie das Aufklärungsgespräch. Das tut nämlich überhaupt nicht weh!!

© Maximilian Gstöttner 26.02.2020