Der Ing-Assistent zur See ( 1)

Im Hafen von Sevilla sitze ich auf einem dieser großen Poller, an dem die großen Schiffe vertäut werden und beobachte, wie ein Frachtschiff die Leinen loslegt. Über Funk kommunizieren die Matrosen an Bord mit ihren Helfern an Land. Ein genau festgelegtes Ritual. Es ist ein kleiner Frachter, etwa 15 000 Tonnen, verglichen mit den großen Containerschiffen, die 200 000 BRT (Bruttoregistertonnen) und mehr an Wasserverdrängung wiegen. Dieses Schiff hier, die "MS Nordstern", transportiert keine Container, sondern Stückgut. Dafür hat es Ladeluken und drei schiffseigene Kräne, welche die Ladung löschen oder aufnehmen können.

Mir wird warm ums Herz. Also gibt es sie doch noch, diese alten Kähne. Unter Seeleuten werden sie oft "Seelenverkäufer" genannt. Weil der Reeder bei einem Untergang des Schiffes durch die Versicherungsleistung mehr profitiert, als wenn es noch Jahre mit kleinen Gewinnen weiterfahren würde. Bei einem Schiffbruch werden zudem noch die Instandhaltungskosten eingespart, insgesamt kein schlechtes Geschäft, so ein gesunkenes Schiff. Dass dabei auch Matrosen ums Leben kommen, das muss leider in Kauf genommen werden. Schicksal eben. Oder doch Verbrechen?

Als ich zu ersten Mal ein derartig altes und verrostetes Schiff betreten habe, befiel mich ein eigenartiges, mulmiges Gefühl, das bis zum Verlassen mein unangenehmer, aber treuer Begleiter wurde. Bei der vorgeschriebenen Rettungsübung hat die Besatzung keines der zwei Rettungsboote ins Wasser bringen können, weil Seilwinden und die Elektromotoren nicht funktioniert haben.

Diese Stückgutfrachter verstauen in ihren Laderäumen verschiedenste Güter, von Rohzucker, Maniok, Kaffeebohnen bis zu Landmaschinen. Da dauert die Beladung manchmal ein paar Tage und die Matrosen haben viel Zeit für einen romantischen oder auch unromantischen Landgang. Während die "großen Riesen" nur wenige Stunden Liegezeit haben. Das reicht oftmals für einen Landgang nicht aus. Selbst die Liebesdienerinnen aus dem Rotlichtviertel kommen da mit kleinen Zubringerbooten an Bord, um ihren Geschäften nachzukommen. Soweit zur Seefahrtromantik unserer Tage, bedingt durch den Fortschritt der Containerwelt.

Ich bin auf einem Stückgutfrachter zur See gefahren. Im Maschinenraum, als Ingenieurs-Assistent. So der Dienstgrad als technischer Offiziersanwärter. Eine euphemistische Beschreibung für Lehrlinge oder "Putzfetzen", als die wir angesehen wurden. Manche der ältere Seefahrer haben uns auch liebevoll als "Flurplatten Indianer " bezeichnet. Das sind die berüchtigten "Ing-Assis" in den Maschinenräumen aller Schiffe auf den Weltmeeren. Aufgrund ihrer mangelnden Erfahrung -deswegen ist das Praktikum ja vorgesehen- stellen sie für manchen der Ingenieure eher eine Gefahrenquelle, als eine Assistenz dar.

© Maximilian Gstöttner