Der Ing-Assistent zur See, Teil 2

"Solang das deutsche Reich besteht, wird jede Schraube links gedreht", so brüllte der "3. Ingenieur" in den ohnedies sehr lauten Maschinenraum. In meine Richtung. Was nun? Das deutsche Reich gibt es ja längst nicht mehr. Soll ich das über-Kopf-Ventil nun links oder rechts drehen? Das sind Herausforderungen an einen Ing-Assi. Putzen und Schmieren sind da vergleichsweise harmlose Tätigkeiten.

Die schweren Taue werden vom Schiff aus eingeholt. Sie schwimmen dabei auf der Wasseroberfläche wie große, weiße Riesenschlangen. Das Schiff beginnt sich ganz langsam von der Hafenmole zu lösen, die Querruder bewirken ein seitliches Ablegen. Danach erzeugen die Ruderblätter des Hauptantriebes eine aufschäumende, weiße Gischt, der Frachter nimmt Fahrt auf, raus aus dem Hafen. Es ist schon längst dunkel geworden, man sieht noch die Lichter und Konturen des Schiffes. An seinem Heck ist das helle, weiße Positionslicht lange zu erkennen. Auch dieses Licht wird immer dünner und- wie ein Zwirnsfaden, der reißt,- verschwindet die Sichtverbindung mit dem auslaufenden Kahn.

Was mache ich hier, so frage ich mich, warum tue ich mir das an? Den Schiffen nachzuschauen, wie sie sich am Horizont verlieren? Manchmal habe ich gedacht, das Meer wäre mein Freund, es würde mir keinen Schaden zufügen. Doch in den langen, schwarzen Nächten auf See, ohne Mond und Sternenlicht, ist mir schon bewusst geworden, dass die See keine Gefühle hat. Für Seefahrer hat sie schon tausendfach Verderben gebracht. Ausgerechnet zu mir sollte das Meer ein Freund sein?

Die See hat unendlich viele Gesichter, Temperamente und Farben. Manchmal zartblau, silbrig, ganz friedlich und unschuldig sich präsentierend. Bei Windstille zeigt es eine "Glatze". Das hat in früheren Zeiten den Großseglern oft den Tod durch Verdursten gebracht, wenn in einer zu langen Flaute die Wasservorräte zu Ende gingen. Dann wiederum zeigt sich das Meer im dunkelsten Blau, beinahe schwarz. In finsteren Nächten, ohne Mondlicht und Sterne, wird die Stimmung unheimlich. Das Schwarz wirkt bedrohlich. Nur die weiße Gischt von den Wellenkämmen blitzt auf, manchmal fluoreszierend. In dieser Situation ist es besser, man ist nicht allein. Ablenkung ist gefragt. Die meisten Matrosen machen das mit Alkohol. Eine Flasche Whisky reduziert die Angst, die Gefahren hingegen nehmen zu.

Noch immer kann ich die Schönheiten der See bewundern. Die freundschaftlichen Gefühle dem Meer gegenüber gibt es nicht mehr. Dafür hat nun Respekt Platz genommen. Achtung vor den Naturgewalten. Das Meer selbst ist unromantisch, gänzlich ohne Gefühle. Die Seefahrer haben es sich keinesfalls untertan gemacht. Eine Zähmung wie bei einem wilden Tier ist nicht möglich. Wasser lässt sich nicht domestizieren. Alle Versuche, die vom Menschen bisher unternommen wurden, sind kläglich gescheitert, das Wasser hat in Form von Katastrophen entsetzlich zurückgeschlagen.

© Maximilian Gstöttner