Der Ing-Assistent zur See (3)

Es heißt Frieden schließen mit dem Meer. Wir sind ja lediglich geduldete Gäste. Wir müssen ihm Respekt zollen. Dann offenbart sich vollendete Schönheit und Zeitlosigkeit.

Ein schönes Ritual praktizieren die Kapitäne von Segelboten, wenn sie aus dem Hafen auslaufen. Der "erste Schluck" eines (alkoholischen) Getränkes, mit dem die Crew das gelungene Manöver feiert, wird über Bord gegossen. Dieser gehört Poseidon, dem Gott des Meeres. Als Geste der Demut und zugleich eine Bitte um gute Rückkehr. Ein Ritual eben. Respektvoll und mit Würde ausgeführt.

Ob dieses Ritual auch von den Kapitänen der Handelsflotte praktiziert wird, das kann ich mir nur schwer vorstellen. Andererseits, warum auch nicht? Dann müsste der Captain von der Brücke aus seinen Schluck Whisky aus circa 20 Meter Höhe in das Meer gießen. Ich bin auf meiner ersten Reise auf einem kleinen Frachter einem Kapitän begegnet, der überhaupt niemals nüchtern gesehen worden ist. Wahrscheinlich hat er dieses Manöver ständig geübt.

Im Hafen riecht es nach Brackwasser, Fisch, Schweröl, Schmutz und Fäkalien. Der Geruch ist ein Bruder des Atems. Man kann sich ihm nicht entziehen oder verweigern. Mit jedem Atemzug dringt er in uns ein und wird abgespeichert. Jedes mal, wenn wir dieselbe Geruchswahrnehmung haben, werden automatisch auch die Erinnerungen hervorgeholt, die mit diesem Geruch verbunden waren.

Bilder und Stimmungen tauchen auf, Nostalgie, vermischt mit einem Quantum an Traurigkeit. Ich falle in einen inneren Dialog, fühle mich so alt wie damals und dennoch weiß ich, so kann es nicht mehr sein. Die Zeit kann ich nicht zurückholen. Das Fremde ist es, das eine sonderbare Sehnsucht auslöst. Es zieht mich immer wieder fort von zu Hause. Ich will zu viel. Überquere den Ozean, ohne Spuren zu hinterlassen.

Gegenüber, an der anderen Seite der Hafeneinfahrt, sehe ich eine Frau, die mit großer Anstrengung an einem Seil zieht, das im dunklen, schmutzigen Wasser verborgen ist. Sie versucht es immer wieder und wieder. Dort unten liegt etwas, von dem die Frau glaubt, es bergen zu müssen. So scheint es.

Vielleicht ist es das Lob ihres Vaters, oder die Zuneigung der Mutter? Vielleicht ist es die Berührung ihres Mannes, Anerkennung einer Freundin?. Vielleicht wacht sie in der Nacht auf und bittet ihren Liebsten, sie in die Arme zu nehmen- und vielleicht sagt ihr Liebster dann, er wisse nicht, wie. Also versucht sie ihren Liebsten zu lehren, sie zu lieben, versucht es Nacht für Nacht, immer wieder. Aber es ist zu spät, denn ihr Liebster befindet sich jenseits des Liebens, und ihre ganze Mühe ist vergebens. Die Unbekannte lässt das Seil los, geht vom Ufer weg, ohne sich nur einmal umzudrehen.

© Maximilian Gstöttner