Der Ing-Assistent zur See, Teil 4

Wenn ein Schiff die Leinen löst, fährt es ganz langsam hinaus und verschwindet am Horizont. Nichts bleibt mehr zurück, was auf die erst kurz zurückliegende Anwesenheit hinweisen würde. Auch der Wasserstand im Hafen wird sich nicht verändern.

Die Menschen an Bord sind ebenfalls verschwunden, als ob sie niemals hier gewesen wären. Dennoch sind sie existent, durch unsichtbare Fäden des Schicksals mit den Freunden an Land verwoben. Einige werden zurückkommen, andere nie wieder. Es ist der Rhythmus des Meeres. Begegnungen von Menschen ähneln dem Pulsschlag der Brandung. Manche begegnen sich und sind für immer verbunden. Andere begegnen sich und verlieren sich im gleichen Augenblick.

Was ist mit mir? Habe ich mich gefunden oder verloren? Soweit gereist und doch niemals angekommen. Gedanken plätschern dahin, wie die Wellen , die an die Kaimauer klatschen. Du willst zu viel. Ich liebe das Meer. Oder vielleicht das Mehr von Allem? Hinaus gefahren auf den Ozean und wieder zurückgekehrt. Nichts hat sich geändert. Oder doch? Hat dich das Meer etwas gelehrt? Möglicherweise Demut und Dankbarkeit. Gewiss, du hast Ängste und Gefahren durchgestanden, gemeistert vielleicht.

Es hat keinen Sinn, wieder hinauszufahren. Nach der Rückkehr bleibt das Meer dasselbe, nur du bist nicht mehr derselbe. Älter geworden, etwas verwelkt. Die Schatten sind schon da. Eine bleierne Müdigkeit lastet auf mir. Sorgen, die der Reichweite eines Beruhigungsmittels entzogen sind. Das Gesicht gegerbt von der Meeresluft und der intensiven Sonne. Das macht dann die kleinen Falten. Und die Seele? Auch ein wenig gegerbt mit Falten aus den Erlebnissen, die manchmal verletzend waren.

Als Ing-Assi im Maschinenraum zu arbeiten ist kein Honiglecken. Die Hitze, der Lärm, hohe Temperatur, zumindest auf alten Schiffen, die keine Klimaanlage in der "Maschine" haben. Und die Kommandos der Ingenieure... Wie es so schön heißt, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Die Fahrtzeiten waren intensiv und prägend für mich. Viel erlebt, Schönes und Aufregendes. Diese Lehre für angehende Schiffsingenieure war gleichzeitig eine Lehre fürs Leben. Als anderer Mensch zurückgekommen, als ich hinaus gefahren bin.

Bei den vielen Diskussionen in der Freizeit (alkoholgeschwängerte Streitereien) habe ich mich bei den Technikern einmal höchst unbeliebt gemacht. Meine Behauptung war, dass mein kleiner Finger, links oder rechts ist egal, viel komplizierter aufgebaut sei, als das gesamte Schiff. Mit den feinen Gewebeschichten, den mikroskopisch kleinen Arterien, Kapillargefäßen und Nervengeflechten. Diesen kleinen Finger könne man niemals mehr aufbauen, wenn er total zerstört wäre. Das ganze Schiff kann man aber anhand der Baupläne nachbauen. Das haben die Herren Ingenieure nicht verstehen wollen. Was der kleine Lehrling da erklärt.

© Maximilian Gstöttner