Der kretische Fischer

In memoriam Manolis Padelakakis.

Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, mit seinem von der Sonne gegerbten Gesicht, höre sein Lachen, auch den leicht traurigen Tonfall seiner Stimme. Manolis Padelakakis, einst stolzer Fischer aus Chania, Kreta. Was für ein Niedergang, welche Schande! Wo haben die griechischen Götter da hingeschaut, oder vielmehr weggeschaut! Ich stehe an der Pier von Manolis, mit dem kretischen Namen "Padelakakis", wie auch der Autor von "Alexis Sorbas" den Namen "Kazantzakis" getragen hat. Bei Familiennamen ist die Endung "akis" typisch für Kreta. Eine riesengroße Meeresschildkröte, Caretta Caretta, an die 100 Jahre alt, umkreist wiederkehrend den Platz, wo Manolis Boot verankert war. Er hat sie gefüttert. Immer noch sucht sie ihn. Nun liegt dort ein Tourismusboot, von dem aus billige Souvenir-Artikel verkauft werden. Oh, ihr Götter Griechenlands, warum duldet ihr diese Schmach? Seid ihr nur mehr Götter des Mammons, ohne historische Wurzeln? Ich verbeuge mich vor Manolis Padelakakis, dem Fischer mit Stolz und Ehrgefühl. Er war mein Freund. Ich sehe ihn noch im Hafen seine Netze knüpfen, wie ich ihn das erste Mal zu einem Glas Wein einladen durfte und ihn mit "Alexis Sorbas" angesprochen habe. Manolis hat dem berühmten Hollywood Schauspieler sehr ähnlich gesehen.

Der Film "Alexis Sorbas" wurde auf Kreta gedreht, in der "Little Blue Bay" auf der Halbinsel Akrotiri, ungefähr 15 Kilometer von Chania entfernt. Mein Freund hat in diesem Film als Komparse mitgewirkt und dabei Antony Quinn persönlich kennen gelernt. Wenn er von den Dreharbeiten erzählt hat, sind seine Augen jedes mal feucht geworden.

Ich habe diesen Film bereits mehrmals angeschaut, weil er auch psychologisch so interessant ist. Es geht um den Konflikt : Bauchgefühl versus Kopfentscheidung. Das erleben wir doch täglich. Der "Bauch" sagt, ich will das oder jenes haben, unser "Kopf" sagt dazu nein. Wer ist nun der Chef, ich oder ich?

Seine Grundstimmung war meist etwas melancholisch eingefärbt. Immer weniger Fische in den kretischen Gewässern. Und seine Regierung hat den Fischern nicht geholfen. Gegen die großen Fangflotten aus Afrika und Asien, die den einheimischen Fischern die Lebensgrundlage entzogen haben. Bis zuletzt hatte er auf den "big fish" gehofft. Der im Verkauf am Markt auch gutes Geld eingebracht hätte. "Don't disturb the quiet of the sea", hat er zu mir gesagt, wenn ich zu viel geredet habe. "Don't disturb the quiet ..." Das ist sein Vermächtnis.

© Maximilian Gstöttner