Die Geschichte vom jamaikanischen Kolibri

Der kleine bunte Kolibri, noch unerfahren in der großen Welt, war hauptsächlich damit beschäftigt, sich am Blütennektar zu erfreuen.

Wenn er davon genug hatte, ließ er sich vom Wind dahintreiben, träumte mit den großen, weißen Wolken und fürchtete sich vor den schwarzen Regenwolken. Gute Segeleigenschaften waren ihm genauso in die Wiege gelegt, wie das Stillhalten in der Luft mit raschen Flügelschlägen, um den köstlichen Nektar mit der Zunge aus den Blüten zu ziehen.

Der kleine Kolibri wusste nichts von der Existenz der Luftströmungen. Denn zu fliegen ist so selbstverständlich wie das Atmen für Menschen oder das Schwimmen für die Fische. So weiß ein Fisch auch nichts über die Existenz des Wassers. Es ist einfach vorhanden, er nimmt es nicht wahr.

Der kleine Kolibri wusste nichts von der Bedeutung des Träumens. Dass die Abwesenheit von Träumen eine Gefahr bedeuten könnte.

Von seinen Stammesältesten wurde er auserwählt, in fremden Ländern neue Düfte und Geschmacksrichtungen zu erkunden, um das Überleben der Kolibri Familie zu sichern, falls der Blütennektar auf Jamaika einmal zu Ende ginge. Der Ältestenrat hatte manchmal Daseinsängste und blickte sorgenvoll in die Zukunft.

Der kleine Kolibri trug in seinem Federkleid die Landesfarben seiner Heimat: Schwarz. Grün und Gelb. Deshalb brauchte er keinen Reisepass für fremde Länder. Mit dem Gepäck war es überhaupt ein Problem, sodass er schließlich keines mitnahm. Nur seinen Mut, die jugendliche Unbekümmertheit und den Sendungsauftrag der Stammesältesten.

Dass in diesem Ältestenrat keine Kolibri Frauen vertreten waren, fiel ihm erst auf, als er schon unterwegs war. Nach seiner Rückkehr würde er dies im Rat besprechen wollen, das nahm er sich vor.

Rasch sollte er große Höhen erreichen, um sich mit den Luftströmungen über weite Strecken treiben zu lassen. Der Rat der Weisen hatte ihm seinen Segen mitgegeben:

"Hab den Wind im Rücken und die Sonne im Gesicht. Die Stürme mögen dich nach oben trage, auf dass du mit den Wolken tanzest!"

Er verfiel in eine Starre, die Kolibris einnehmen, um Energie zu sparen. Im Traum begegnete er einer weisen, alten Kolibri Fee. Sie flüsterte ihm zu:

"Du musst nicht auf die gefährliche Reise zu fernen Ländern aufbrechen. In deiner Heimat, der mit Reggae-Klängen und Cannabis-Düften durchdrungenen Insel gibt es noch tausende unerforschte Blüten und Geschmacksrichtungen!"

Nach dieser Begegnung war für ihn alles klar, er kehrte um.

Die alte Kolibri Herrenrunde, obwohl weise und erfahren, hatte verlernt, die Macht der Träume zu erkennen.

Wohlan kleiner Kolibri, folge deinen Träumen.

© Maximilian Gstöttner