Fischtaverne "Vasilikos"

Ich rieche das Meer, das Salz und den Fisch. Frage doch das Meer, wie oft es mich schon hat weinen gesehen. Über die Vergänglichkeit der Liebe.

Bei Vangelis, in seiner kleinen Taverne im Hafen von Chania, bin ich meist zu zweit. Als Vorspeise essen wir gegrillte Sardinen. Moussaka mag sie nämlich nicht. Auch lässt sie sich nicht gerne fotografieren. Mit mir. Red Snapper ist unsere Lieblingsspeise. Grätenfrei natürlich. Ich bemühe mich redlich. Dass ich morgen schon abreisen werde, traue ich mir schon gar nicht zu sagen. Der kretischen Hafen-Kneipen-Katze.

In der Taverne, die von einheimischen Fischern bevorzugt wird, bin ich als Fremder unschwer zu erkennen, auch wegen meiner sonderbaren "Beziehung" zur Hafen Katze. Fast täglich bin ich hier. Um zu essen, Menschen zu beobachten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, zu schreiben, zu trinken, zu lesen. Ich bin darauf gekommen, dass Lesen einfacher ist, als zu Schreiben. Wobei, wenn ich in der Taverne sitze, an einem kleinen Tisch mit Sesseln aus Korbgeflecht, in der für Griechenland so typischen hellblauen Farbe, schaffe ich es weder zu Lesen noch zu Schreiben.

Abgelenkt durch die interessanten Menschen mit ihren Schicksalen, die ich nicht kenne, mir aber dennoch in der Phantasie ausmale. Und dann gibt es noch die vielen herrenlosen Katzen, manche ziemlich abgemagert, einige auch krank, um die sich die Einheimischen nur selten kümmern. Sobald ich mich setze, kommt diese eine Katze zu mir, dreifärbig wie Glückskatzen, gelb, dunkelbraun und weiß. Sie verteidigt ziemlich aggressiv ihren Platz an meinem Tisch gegenüber allen anderen Katzen, denen ich, heimlich aufstehend, in vier bis sechs Metern Entfernung, auch etwas Futter zukommen lasse.

In der Taverne von Vasiliko führt der Weg zur Toilette durch die Küche. Interessant zu sehen, was an diesem Tag alles geboten wird. Hätte ich aber heute nicht machen sollen, mir die Hände vorher zu waschen, wie ich nun einmal erzogen worden bin. Da habe ich gesehen, wie mein "frischer Oktopus" gerade aus der Tiefkühltruhe "gefischt" wurde.

Ich bedecke den Teller mit kretischem Olivenöl, "extra jungfräulich", streue etwas Salz darüber und tunke weißes Brot hinein. Wie gut das schmeckt! Dazu gibt es Weißwein, Vino Grassi Aspro. El Sabor Kriti, der Geschmack Kretas.

Den zweiten "half Kilo" trinke ich auf das Wohl von Manolis, meinem griechischen Freund und Fischer. Irgendwie zu spät. Ist er doch im vergangenen Jahr verstorben. Doch es ist nie zu spät, solange man noch trinken kann und sich erinnern, an gemeinsames Auslaufen in die See.

Selbst nach dem fünften (grätenfreien) Filetstück vom Red Snapper schaut sie mich noch immer vorwurfsvoll an. Die kretische Katze. Nach dem siebten verabschiedet sie sich grußlos.

Die Taverne liegt direkt an der Pier, wo das Boot von Manolis viele Jahre gelegen hat. So oft ich auch hier sitze und auf ihn anstoße, er kommt nicht mehr zurück.

© Maximilian Gstöttner