Sehnsucht nach der verlorenen Zeit

Mir ist, als würde ich heimkehren. Der Geruch vom Thymian, Salbei, Bergkräutern, Kiefern und Meer. Zu mir getragen von dem Wind, der von den weißen Bergen kommt. Durch die Baumkronen zieht, mein Haar zerzaust, mich frei atmen lässt. Meine Sinne sind bereit, alles aufzunehmen, so vertraut ist es. Eine wohlige Wärme durchdringt meinen Körper, bringt Erinnerungen hervor. Kann es noch wie damals sein? Nein. Nichts ist wie damals. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, eine neue Seite begonnen. Das leere Blatt Papier vor mir deprimiert mich. Es kostet viel Kraft und Überwindung, darauf zu schreiben. Noch ist es kühl am Morgen, ein frischer, auflandiger Wind kommt vom Meer. Die Wellen rollen leise, ganz sanft ans Ufer, als wollten sie niemanden wecken. Ganz anders als zu Zeiten der Flut, wo sie bedrohlich ans Land donnern. Der Klang des Meeres mischt sich mit den Glocken der Schafherde, die entlang der Straße zieht. Ein friedlicher, ruhiger Morgen und der Wind lässt der Müdigkeit keine Chance. Für ein Glas Wein ist es noch zu früh- zwei aber sind vielleicht passend. Der Wind an der Küste ist uneinsichtig, schläft eigentlich nie. Kommt durch undichte Fenster und Türen. Überrascht dich selbst unter der Bettdecke. Bohrt sich in deinen Kopf, wirbelt Gedanken raus und Kopfschmerzen rein. Die vielen Stimmen des Windes. Manchmal die einer kreischenden Marktfrau, dann wieder leise bohrend. Ein alter Mann vor dem Kafenion spielt mit seinem Rosenkranz, wirbelt ihn um die Finger seiner Hand. Sitzt schon seit ein paar Stunden vor seinem Kaffee Frapee, sagt kein Wort, starrt in sein Nichts. Er braucht die Welt nicht zu erklären.

Liapades Bucht, Korfu

Was braucht es, um zufrieden leben zu können? Das Ionische Meer, den Strand, ein kleines Haus, verborgen im Ölberg zwischen uralten Olivenbäumen. Der Strand ist ganz nahe, ein paar Steinstufen führen hinunter. Hellklares Wasser, Muschelsand, vereinzelt größere Steine, die Einschlüsse von Muscheln und Schnecken seit Urzeiten beherbergen. Man muss Steine und den Sand erst angreifen, um zu begreifen, dass alles nicht geträumt ist. Das Wasser umspült meinen Körper warm und leicht, wie der Wind das Gesicht sanft streichelt. Meine Phantasie hat mich schon oft entführt und auch getäuscht. Ich schreibe den Augenblick nieder, sodass er nicht entfliehen kann. In der nahen Taverne gibt es eine fangfrische Dorade, gegrillt, mit zarten Kartoffeln und grünem Salat. Dazu trockenen Weißwein, griechisches Brot, grob geschnitten. Mehr braucht es nicht. Ja, verliebt muss man schon sein, in eine wunderbare Frau, in das Meer, die Menschen hier und die Landschaft, die von einem Besitz ergreift. Die griechischen Götter blicken immer ein wenig neidvoll herab, wenn es den Menschen allzu gut geht, besonders, wenn sie verliebt sind. Deswegen will ich aber nicht unglücklich sein, um sie zu besänftigen. Wie alt muss man werden, um mit so wenig zufrieden zu sein?

© Maximilian Gstöttner