Sprachlos in Toulouse

Kann ich helfen, Monsieur?

Ich war überrascht, vielleicht auch erschrocken, für einen kurzen Augenblick.

Für einen Moment des Lebens, der es womöglich verändern hätte können.

In einer kleinen Seitengasse von Toulouse hatte ich die Orientierung kurz verloren. Wo war das Hotel? Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich gehen sollte.

Aufgeregtheit, Anspannung, Körpersprache verraten den inneren Zustand.

Sie hatte es bemerkt. Marie Luise.

Kann ich ihnen helfen, Monsieur? Ein ungezwungenes Lächeln, offen im Zugang, strahlende Augen, die Farbe konnte ich nicht erkennen, nur das Strahlen. Das Haar fiel blond über ihre Schultern. Die Gesichtszüge sind zart, erinnern an ein Gemälde. Nein, nicht Mona Lisa, die Wirklichkeit ist schöner!

Mein unbeholfenes Französisch fragte nach meinem Hotel, das in der Nähe sein müsste. IBIS oder Mercure, in der Aufregung wusste ich nicht einmal den Namen der Unterkunft. Sie wechselte spontan in die Englische Sprache, nahm mir die Karte aus der Hand und deutete mir, ihr zu folgen. Nur ein paar Schritte zu einer Kreuzung, sie zeigte nach links, dort ist ihr Hotel, Monsieur!

Ihr hilfsbereites Lächeln, die blauen Augen, oder waren sie doch grau, blockierten mich zur Sprachlosigkeit. Sind sie alleine hier? Nein, ich bin in einer Gruppe aus Wien.

Vienna, da möchte ich schon immer einmal hin! Sind sie Studentin? Ja, in Paris, an der Sorbonne. Ich wohne hier in Toulouse. Und was machen sie? Ich bin Arzt. Nice to meet you.

Nice to meet you.

Ich ging ein paar Schritte in die angezeigte Richtung, stoppte plötzlich. Ich drehte mich um. Sie war aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. In welche Richtung war sie gegangen? Meine Schritte wurden schneller, ich hielt Ausschau nach ihr. Sie war nicht besonders groß, aber auch nicht zu klein, um in der Menschentraube unter zu gehen. Ich lief zum Busbahnhof. Vielleicht nahm sie einen Bus, der sie von der Altstadt nach Hause bringen sollte. Fünf lokale Busse waren in drei Reihen aufgestellt. Langsam ging ich an jedem vorbei, in der Hoffnung, sie würde mich durch die getönten Scheiben erkennen und mir zuwinken.

Jetzt, wo der entscheidende Moment vorbei war, wusste ich, was ich machen hätte sollen. Darf ich sie nach Wien einladen? Eine Frage, die vielleicht alles verändern hätte können. Oder auch gar nichts.

Nein danke, Monsieur. Oui, Monsieur, ich komme gerne.

Ich kenne ihren Namen nicht, daher nenne ich sie Marie Luise. Ich muss mir eine neue Wirklichkeit erschaffen, bis zu einer zweiten Chance, falls es sie gibt. Liest sie Bücher, schreibt sie? Vielleicht ist sie an Poesie nicht interessiert, studiert Technische Mathematik? Vielleicht genau deswegen liebt sie die Phantasie?

Nice to meet you. Das war der Augenblick, ein Zeitfenster, aber wohin? Ich weiss es nicht. Ich will den Augenblick festhalten, weil er schön ist, etwas verspricht, doch er entgleitet mir, wie die letzten Strahlen des Abendrots.

Fading out.

© Maximilian Gstöttner