Venedig und die "Grandi Navi"

Entlang des Giudecca Kanals zu flanieren, ist eine von den guten Möglichkeiten, das Flair Venedigs zu erleben. Zwischendurch auf einen Spritz Aperol eingekehrt, kann man den Geschmack der Lagunenstadt verinnerlichen. Während ich an einem Schild "No Grandi Navi" vorbeigehe, passieren an meiner rechten Seite gerade zwei dieser großen Schiffe den Kanal.

Giudecca- Venedigs schönster Stadtteil. Touristenfrei, bis auf mich. Grandi Navi-frei, bis auf 12 dieser Ungetüme, die an einem Sonntag ein-und auslaufen.

Es ist alles relativ. Und kein Zufall. So denke ich, während ich in der Trattoria "Pallanca", nahe der gleichnamigen Vaporetto Stazione sitze. Direkt am Kanal, bei Flut spritzen die Wellen auf den Gehsteig und die Füße, sofern man sie nicht rechtzeitig hochhebt.

Hier warte ich sonntags auf die großen Schiffe. Sie ziehen ganz langsam vorbei. Tausende Passagiere stehen am Deck. Winken, fotografieren, als ob das alles selbstverständlich wäre. Und für sie ist es das auch, wenn auch nicht für die Venezianer, die einerseits diese Schiffe hassen, aber vom guten Geld der Touristen leben müssen.

Ohne Aufreger wäre es ziemlich öd hier. Sogar die Möwen langweiligen sich am Sonntag. Wären da nicht diese Schiffe. Man kann sich darüber aufregen und sie gleichzeitig genießen. Das Leben bietet gute Paradoxien, sofern man sich darauf einlässt. Mir gefällt das. Der Unmut, die Aufgeregtheit, der Genuss der Morbidität, des Unterganges. Venedig hat davon so viel zu bieten. Was sollen dabei die paar Schiffe noch anrichten?

Die Serenissima ist ohnedies eine sterbende Stadt. Seit Thomas Mann's "Tod in Venedig" ist das klar. Wenn schon sterben, dann in Schönheit und Grazie. Noch einen Spritz Aperol, per favore!

Ich hänge nicht sehr an meinem Leben. Wahrscheinlich, weil es aktuell nicht bedroht ist. Es kommt mir manchmal vor, als hinge das Leben mehr an mir, als umgekehrt. Scheiß Interpretationssucht. Das kommt davon, wenn man zu viel von Thomas Bernhard liest. Das nächste Glas Prosecco ist auf den Dichter! Wir interpretieren die Welt falsch und glauben dann, sie täusche uns.

Die vom Flughafen Marco Polo aufsteigenden Maschinen bieten ein grandioses Schauspiel. Zeichnen mit ihren Kondensstreifen geometrische Figuren in den Himmel. Das sind auch "Grandi Navi". Dagegen gibt es keinen Protest. Eine startet nach der anderen. Sie ziehen ihre Bahnen in den blauen Himmel. Wohin denn auch sonst, wenn nicht in den Himmel? Alles andere wäre ein Fehlstart.

© Maximilian Gstöttner