Das große Fressen

Für Menschen, die es gewohnt sind eine laut Weltgesundheitsorganisation empfohlene Tageskalorienmenge zu essen stellen gewisse Kulturen eine ziemliche Herausforderung dar. Vor allem die ländlich europäische Traditionskost ist auf starke körperliche Betätigung ausgelegt. Und bei den Wohlhabenden dienten mehrgängige Menüs als Statussymbol. Da hat sich wenig geändert. (Auch wenn das neue Statussymbol der Reichen und Schönen ein Hungerharken zu sein scheint.) Italien ist da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil, wird dort von eh her reichlich geschmaust, das Essen zelebriert. Während meiner 2 Wochen Hochzeitsreise auf Sardinien war ich 7 Mal mindestens 10 Kilometer Laufen und hatte schlußendlich trotzdem 3 Kilo zugenommen. Und das meistens ohne Mittag. Am letzten Tag unserer Rundreise bevor wir in ein ziemlich nobles Ressort im Süden der Insel eincheckten, genossen wir die Gastfreundschaft einer lieben Bauernfamilie in einem Agriturismo. Das ungeplant mittägliche Zwischenspiel in der hofeigenen Steinhütte mit reichlich Wein, Käse und Spanferkel lag uns noch in den Knochen. Verkatert traten wir den Gang zur Schlachtbank an. Als einzige Gäste des Gastronomiebetriebes nahmen wir in der hinteren Ecke des Speisesaals Platz. Unglücklicherweise hatten wir bereits ein Menü vorbestellt. Serviert wurde dieses vom Herrn des Hauses höchstspersönlich, der mit weißer Kochschürze und Obelixstatur voller Elan durch die saloonhafte Schwingtür mit typischen sardischen Spezialitäten auf uns zusteuerte. Aufgrund der gastfreundlichen Geste, die er uns kurz zuvor angediehen ließ, hätte das Verschmähen der köstlichen Wurstwaren einen Affront dargestellt. Also genehmigten wir uns ein paar Speckbrote mit Käse. Als Primo folgte ein gehäufter Teller Nudeln mit Tomatensugo. Spätestens nach dem 1 . Gang stand uns die Angst ins Gesicht geschrieben. Doch es gab kein Entrinnen. Das bereits Mittag gehuldigte Spanferkel sollte der Secondo sein. Schweißgebadet versuchten wir verzweifelt die Dolci abzubestellen, was er einfach ignorierte. Dies sei die Spezialität des Hauses. Also wieder in der Höflichkeitsfalle gefangen. Es gibt verschiedene Desserts. Uns erwischte es jedenfalls kalt mit einer sehr gehaltvollen heißen Nachspeise: Sebadas. Wenn du hungrig bist, als Hauptspeise zu empfehlen. Zum Mitschreiben: Sebadas sind in heißem Olivenöl frittierte Teigtaschen gefüllt mit Käse und warmen Honig übergossen. Nach getaner Arbeit lud uns der Wirt auf einen Absacker in die Küche ein - Grappa im Kaffehäferl. Dort lernten wir auch die Chefin des Hauses kennen. Nach holprigen sprachlichen Kommunikationsversuchen beschränkten wir uns darauf Zigaretten zu rauchen und italienische Soaps zu schauen. So als wären wir alte Freunde, nur kurz zu Besuch. Die Stimmung war eigenartig vertraut, obwohl wir so gut wie nichts voneinander wussten. Dieser Tag wird uns immer als schönster Tag des Urlaubs in Erinnerung bleiben.

© Max@Mustermann