Bergbewohner

Ein Jahr nach der Hochzeit, also 2006, bereisten meine Frau und ich unter dem gleichnamigen Titel Sardinien. Die erste Woche fuhren wir mit dem Mietauto den nordöstlichen Teil der Insel ab. Nach der Landung in Olbia ging es über Santa Teresa Gallura mit den bizarren Felsformationen am Capo Testa nach San Teodoro. Die Insel ist aber nicht nur für traumhafte Strände bekannt, sondern auch für das gebirgige Hinterland, wo abgelegene und einst nur durch Eselspfade erreichbare Dörfer liegen. Seit Römerzeiten wird diese Region Barbaria, jetzt Barbargia, genannt und wurde vor allem durch das Banditentum und die Blutrache in ganz Italien bekannt. Traurige Berühmtheit erlangten Mamoiada und Orgosolo, wo seit Menschengedenken eigene Gesetze herrschten. Allein in Orgosolo wurden zwischen 1903 und 1917 über 50 Menschen ermordet. Die verfeindeten Familien wohnten Haus an Haus. Das archaische Töten hielt bis Anfang der 90iger Jahre an. Heute durchquert eine gut ausgebaute Bergstraße das Zentralmassiv Sardiniens. Die Dörfer sind saniert, die Menschen freundlich. Wo sich vor gar nicht allzu langer Zeit benachbarte Familien gegenseitig abgeschlachtet haben, saßen nun Tagestouristen und schlürften Cappuccino. Ich weiß nicht genau, was ich dort vorfinden wollte? Was kann man durch einen Halbtagesbesuch erfahren, spüren oder gar aus der dunklen Ära der Gesetzeslosen lernen? Möglicherweise faszinierte mich die Geschichte deshalb so, weil ich auch aus einer einst unzugänglichen Bergregion komme. Wir Menschen werden auf eigenartige Weise durch die Topografie der bewohnten Landschaft geformt. Früher, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne moderne Informationstechnologien, war der geistige Horizont natürlich eingeschränkt. Ein klein wenig habe ich zumindest noch mitbekommen, viel durch Erzählungen meiner Eltern, Großeltern und anderen Älteren. Die kräftigsten Geschichten sind in mir lebendig, haben sich weiterentwickelt. Denn eine Erinnerung ist niemals die selbe, wenn wir sie wieder erzählen. Abgelegene, schwer zugängliche Regionen lassen viel Spielraum, um kleine anarchische Räume und in weiterer Folge tyrannische Familienclans entstehen zu lassen. Je kleiner die Gemeinschaft umso wichtiger die Familie. Moderne, aufgeklärte und somit aufgeschlossene Gesellschaften betreiben Handel. Oder ist es der Handel der moderne aufgeklärte Gesellschaften begünstigt? Auch wenn die mörderischen Zeiten vorbei zu sein schienen, blieb ein mulmiges Gefühl. Nicht aufgrund einer konkreten Gefahr, doch ob der menschlichen Natur. Denn grundsätzlich sind wir Menschen zu allem fähig. Ohne drohende Peitsche, staatliche Hoheit und Rechtsstaatlichkeit, sind wir alle wilde Tiere. Übrigens genial verfilmt in „Das finstere Tal“ mit Tobias Moretti, der privat einen Tiroler Bergbauernhof bewirtschaftet. Mein zu Hause ist nun weitsichthügelig mit respektvoller Aussicht in die Hohen Tauern und einem Gefühl für Freiheit.

© Max@Mustermann