Fremde Welt

Wenn Mutter Episoden aus ihrer Kindheit zum Besten gab, tauchte ich in eine mir völlig fremde Welt ein. Ihre bäuerlichen Nachkriegsgeschichten hatten so gar nichts mehr mit meinen Lebensumständen zu tun. Aufgewachsen am Bauernhof, der Großvater ein Viehhändler, Tyrann und selten zu Hause. Körperlich gearbeitet haben nur die Frauen und Kinder. Wenn der Vater (Großvater) im Haus war wurden stets zwei Speisen, ein Fleischgericht für ihn und ein weniger Schmackhaftes für den Rest der Belegschaft, zubereitet. Mutter musste oft in den stockdunklen Erdkeller, obwohl sie sich unendlich dafür fürchtete und es alle wussten. Beim Sauabstechen fiel ihr schon als kleinem Mädchen die Rolle des Blutrührers zu. Die Erinnerung an den metallisch unangenehmen Geruch des warm dampfenden Schweinebluts drehte ihr Jahrzehnte später noch den Magen um. Bei uns hat es dann nie nur anähernd Rohes, geschweige den Blutwurst gegeben. Wie Sie als Kind, keine 10 Jahre, alleine auf die Alm geschickt wurde, um Moosbeeren sowie Grangn zu sammeln. Und ihre Mutter sie mit den Worten, komm ja nicht nach Hause bevor der Kübel voll ist, verabschiedet hatte. Amerikaner am Jeep, Zigeunerinnen, die blitzschnell Hühner unter vielschichtigen Röcken verschwinden ließen. Mit dem Bus zur Schule, zu Fuß nach Hause, im Sommer barfuß. Nur Volksschule, mit 14 als Hausdirn zu fremden Leuten und nie Schwimmen gelernt. Eine Erzählung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Der eineinhalb Stunden lange Schulheimweg bot viel Freiraum für den ansonsten eher tristen Alltag. Jedes Mal besuchte sie die geliebte Urgroßmutter im Krankenhaus, die dort in einem Schlafsaal wohnte. Einmal die Woche brachte Mutter ihr vom Bauern Schotten vorbei. Das Geld dafür durfte sie sich aus dem Geldbeutel nehmen. In der Nähe des Krankenhauses befand sich ein Kramer. Im Sommer lagen da manchmal apfelgroße strahlend rote Früchte im Regal. Die unbekannten Dinger übten eine magische Anziehungskraft aus. Form und Farbe lockten verheißungsvoll. Eines Tages behielt sie das Wechselgeld der Ahnin und kaufte sich damit ein Objekt der Begierde. In einem Waldstück machte sie Halt, um die Frucht zu verspeisen. Genüßlich biss Mutter in die Tomate und ohne auch nur ein Stück zu schlucken, spuckte sie es sofort voller Ekel wieder aus. Nein, so etwas Grausliches hatte sie noch nie zuvor probiert. Wie kann das sein? Kein Zweifel: Die Strafe Gottes, die ihr den Verzehr der schönen Frucht verleiden wollte. Sofort fiel sie auf die Knie und betete um Vergebung. Manchmal kam Mutter mir wie ein fremdes Wesen vor. Eine Märchenerzählerin, nein, ein Märchen selbst.

© Max@Mustermann