Silvesterflitzer

Silvester 2003 verbrachten wir auf den Malediven. Um die faszinierende Unterwasserwelt gemeinsam mit meiner Frau bestaunen zu können, wollte ich unbedingt mit Tauchschein im Gepäck anreisen. Ich weiß nicht mehr genau, warum ich erst Ende Oktober Schulen kontaktierte. Zehn mal darfst du raten. Niemand bot mehr Kurse an. Glücklicherweise trieb ich einen hartgesottenen Tauchlehrer auf, der sich bereit erklärte mich für einen geringen Aufpreis auszubilden. Nach kurzen Anweisungen und einer Unterrichtsstunde in einem ziemlich in die Jahre gekommenen Hotelpool leistete ich meine ersten Einheiten im Attersee nahe Unterach. Mittlerweile November und entsprechend kühl absolvierten wir jeden Samstag vormittag zwei Tauchgänge. Mein Lehrer im Trocken-, ich ihm Nassanzug. Umgezogen haben wir uns im Freien unter dem Vordach einer Seehütte. Zwischen den Tauchgängen fuhren wir in ein nahegelegenes Wirtshaus, um uns ein warmes Süppchen zu genehmigen. Das war auch bitter nötig, denn die Prozedur des Ankleidens für das zweite Abtauchen war nichts für Warmduscher. Bis auf die Badehose nackt in den eiskaltnassen Neoprenanzug zu schlüpfen zerrte fast die gesamt Vorfreude auf das bevorstehende Erlebnis im indischen Ozean auf. Für das zittrige Eintauchen in die geschätzen 8 Grad kalten Fluten, gepaart mit doch gehörigem Respekt vor dem nassen Element, wurde ich auf Machafushi dafür angemessen entlohnt. Auf der kleinen vollständig mit Sand bedeckten Insel befanden sich ein Restaurant, eine Bar, ein Pool , ein Kiosk und eine Tauchschule. Wir schliefen in Hütten, die rund um die Insel mit Sicht auf den Strand ausgerichtet waren. Keine Autos oder sonst störenden Geräusche. Nur die Brandung, das Geflatter von Flughunden und jede Menge Einsiedlerkrebse. Durch den starken tropischen Bewuchs stellte sich sofort ein Robinson Cruse Feeling ein. Pures Paradies, aber auch nur, wenn man wieder weg kann. Im Wesentlichen tauchten wir mit 3 Guides: einem Malediver, einer Japanerin und einem Österreicher aus Weyregg am Attersee. Auf der Insel gab es wenig Möglichkeiten zum Feiern, auch weil alle Urlauber die himmlische Ruhe genießen wollten. Da wird es vor allem für die auswärtigen meist jungen Gastarbeiter nach ein paar Monaten stinklangweilig. Silvester stellte also für alle eine willkommene Abwechslung dar. Grundsätzlich herrscht im Inselstaat strenge Apartheid. Die einheimische Bevölkerung arbeitet zwar auf den Urlauberinseln, gewohnt wird jedoch auf Eigenen, wo keine Touristen hinkommen. Unser Tauchlehrer hatte offensichtlich das letzte Boot versäumt und frönte der westlichen Unterhaltung samt alkoholischer Erfrischungsgetränke. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, bis er sich während des Tanzes blitzschnell seiner Kleider entledigte. Ein splitterfasernackter stark alkoholisierter Flitzer - der muslimische Supergau! Am nächsten Morgen konnte oder wollte sich keiner mehr daran erinnern. Wie zu Hause.

© Max@Mustermann