Oma

Meine Oma wurde nach der Geburt als lediges Kind in einem Korb vor die Gemeindestube gelegt. Wie dann zufällig ein Bauer vom Nachbarsdorf vorbeikam und sie der Gemeindevorsteher feilbot: „Brauchst nit a Dirnei?“ Dieser darauf lapidar meinte, dass es um ein Maul mehr zu stopfen auch nicht mehr darauf ankäme und sie ohne viel Aufhebens mitnahm. Wie Oma ihren Auftritt ins Leben ohne Gram und Scham erzählte und sich im hohen Alter noch freute, dass sie der Zufall bei einem guten Bauern untergebracht hatte. Einem der sie fast wie eine eigene Tochter behandelte. So ein Glück muss man haben, stellte Oma dankbar fest. Ihre leibliche Mutter lernte sie viel später kennen und pflegte dann losen Kontakt mit ihr. Diese hatte im benachbarten Bayern eine echte Familie gegründet. Oma kam darin allerdings nicht vor, spielte keine Rolle, auch nicht als Gast. Sie würde das verstehen, erzählte sie fröhlich und war nicht böse, griesgrämig oder nachtragend. Das Schicksal meinte es gut mit ihr. Als kleiner Bub habe ich meine Urgroßmutter nur einmal kurz getroffen. Leider kann ich mich nicht mehr gut daran erinnern. Nur das Unverständnis, ob dieser kulturellen und religiösen Regeln ist mir geblieben.

Meine Oma war eine meiner wichtigsten Bezugspersonen. Jedenfalls bewunderte ich ihre fröhliche, offene Art durchs Leben zu gehen. Sie hätte genügend Gründe dagegen gehabt. Ich glaube, dass wir uns in manchen Dingen sehr ähnlich sind. Ein Freund hat mir einmal gesagt, dass er mich noch nie lamentieren gehört hätte. Das schätze er am Meisten an meiner Gesellschaft. Im Nachhinein gebe ich dieses Kompliment gerne an meine Großmutter weiter. Dem Findelkind, dass mit einem guten Ehemann aber wenig Geld 7 Kinder großgezogen hat. Eines, Christian, wurde im Säuglingsalter durch einen erfolgreich vertuschten Hygieneskandal des Ordensspitals zum Pflegefall. Auch dieser Schicksalschlag konnte ihrem Naturell nur wenig anhaben. Mit bemerkenswerter Hingabe kümmerte sich Oma über 50 Jahre um den schwerbehinderten Sohn, der weder richtig sprechen, selbst essen noch auf die Toilette gehen konnte. Trotzdem strahlte sie eine Zuversicht und Freude am Leben aus, die mich schon als kleiner Junge schwer beeindruckten. Die einzige Sorge war, was mit Christian geschehen würde, wenn sie nicht mehr sei oder könne. Ich freue mich sehr für Oma, dass er vor ihr gehen durfte. Außerdem sorgte sie sich auch noch um den ledigen Enkel, vielleicht, weil sie zu wissen meinte, wie es mir ging. Auch wenn sich die Zeiten glücklicherweise bereits deutlich verbessert hatten. Trotzdem kann ich mich noch gut an den Selbstmord einer jungen Frau im Nachbartal erinnern, begangen aufgrund der unerträglichen Scham, ob ihres ledigen Kindes.

© Max@Mustermann