Platzhirschen

Jetzt gibt es ja viele Platzhirschen. Eines haben sie aber alle gemeinsam: die Verteidigung ihres Reviers. Die vorgeschobenen Argumente dafür können vielfältig sein. Im Grunde läuft es aber immer aufs Gleiche raus. Erstmals wurde mir das Phänomen auf den Spiel- und Sportplätzen meiner Kindheit bewusst. Mit Sätzen wie „Das ist meine Sandkiste“ oder „Jetzt spielen wir hier Fußball“ übten sich bereits junge zum Geschlechtsakt noch nicht fähige aber bereits vorausahnende Buben im Messen ihrer Kräfte. Später spielten Sitzplätze im Schulbus eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ganz hinten saßen die größten Hirschen, nur wussten sie es noch nicht. In meiner Jugendzeit lernte ich einige Discohirschen kennen, die glaubten, dass die Tanzfläche samt Inhalt nur Ihnen gehöre und falsche Blicke unsanft beantworteten. Später wurden Plätze meist nur mehr erkauft. Häuser, Restaurants, Urlaube, Autositze, je nach Potenz billigere oder kostspieligere Reviere. Nun sind Territorien nicht auf festen Untergrund beschränkt, sondern finden sich auch im und am Wasser wieder. Das berühmte Handtuch kennt man und die besten Plätze am Strand werden nicht nur von Seelöwen erbittert verteidigt.

2002 machten wir zu Beginn unserer Hawaiirundreise Halt in der Hauptstadt Honolulu. Natürlich zog es uns sofort zum Waikiki Beach. Mein Schwager, zumindest kein Anfänger, überedete mich sofort zum Wellenreiten im Selbststudium. Schon beim Rauspadeln beobachteten uns die im Wasser sitzenden Einheimischen argwöhnisch, was mich nicht sonderlich störte. Voller Tatendrang und Energie versuchte ich mich immer und immer wieder mit der Welle aufs Brett zu hieven. Nach mehreren Versuchen gelang es mir zumindest für 2 Sekunden auf dem Board zu stehen, verlor das Gleichgewicht und viel rückwärts runter. Dabei gab ich dem Brett mit den Füßen zusätzlich Geschwindigkeit. Als mich die Welle wieder ausgespuckt hatte, sah ich im Augenwinkel einen benommenen, von Kopf bis Fuß tätowierten, hawaiianischen Surfer aus dem Wasser auftauchen, sich kurz umschauen, um dann umso zielstrebiger auf mich zuzukraulen. Ich ahnte Böses. Gefühlte 10 Zentimeter vor mir stoppte er abrupt und beschimpfte mich als Stümper, Anfänger und allerlei anderen Nettigkeiten. Abschließend schrie er mir ins Gesicht, dass ich hier nichts zu suchen hätte und das dies ohnehin sein Surfspot sei und ich mich nun verpissen sollte, um Schlimmeres zu verhindern. An Land hätte ich weiche Knie bekommen, schwimmend musste ich mich aber aufs Nichtabsaufen konzentrieren. Glücklicherweise ließ er nach ein paar Minuten von mir ab, was ich dazu nutzte, um schnell wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Mein Schwager fand das Ganze sehr amüsant. Zurück am Strand erzählte er mir, dass mein Brett ungefähr 2 Meter in die Luft geschleudert wurde, um anschließend mit voller Wucht am Kopf des kantigen Hawaianers zu landen, worauf dieser comic-like langsam absoff und wieder aufstieg. Hang loose!

© Max@Mustermann