Gastfreundschaft

Am Tag 6 unserer Hocheitsreise landeten wir im Agriturismo Su Cuile. Bei der Ankunft schlugen wir das Angebot auf ein Mittagessen aus, bestellten jedoch für den Abend ein 3 Gang Menü. Ohne Pranzo würden wir das schon schaffen. Außerdem war eine Kajaktour am See geplant, wo zusätzlich Kalorien verbrannt werden sollten. Nach Bezug des Appartements, verabschiedete sich meine Frau, um die urige Schäfer-Hütte in der Mitte der Anlage etwa 10 Meter entfernt zu begutachten. Nach etwa 20 Minuten, frisch verheiratet und voller Sorge, trat ich auf die Veranda, um nach meiner Gemahlin Ausschau zu halten. In der Steinhütte wurde ich fündig. Gemeinsam mit 2 älteren Herren und dem Chef des Hauses saß sie bei einer großen Bauchflasche Rotwein am rustikalen Tisch. In der Mitte ein Riesenlaib Käse und einige Struzen Weißbrot. Dem Spektakel nach zu schließen handelte es sich nicht um die erste Füllung des Glases. Sofort wurde ich gestikulierend an den Tisch gebeten, als wäre ich der verloren geglaubte Sohn des Bauern. Noch bevor ich saß hielt ich ein Glas Wein in der Hand und mit lautem Salute Ute exten wir gemeinsam das süße Tröpfchen eines der anwesenden Herren. Wir verstanden uns sofort blind oder besser gesagt wortlos, denn wir konnten kein Italienisch, die Männerrunde ausschließlich. Die Andeutung, dass wir am Mittagstisch nicht teilnehmen würden, wurde harsch zurückgewiesen. Also beugten wir uns unserem Schicksal und genossen die unerwartete Einladung im Kreise der Familie. Nie werde ich den Geschmack des weichen Kuhkäses vergessen. Ohne Besteck brachen wir kleine Stücke vom Weißbrot und schabten damit die veredelte Milch aus dem Laib. Dazwischen in regelmäßigen und immer kürzer werdenden Intervallen Salute Ute, was jedesmal, ob des kurzen Reims heftiges Gelächter auslöste. Als wir schon gehen wollten erklärten sie uns voller Freude, dass nun etwas ganz Besonderes serviert würde. Gespannt und leicht benebelt beobachteten wir die Szenerie. Als Erstes holte der Bauer ein großes Brett und wusch es mit einem kräftigen Strahl Wasser im Inneren der Hütte pro forma ab. Danach verschwand er für 5 Minuten, um mit einem Viertel Spanferkel zurückzukehren. Schwungvoll platzierte er dieses auf dem Brett, fischte ein überdimensionales Zerlegemesser aus dem Mantel und hackte damit große Stücke heiß Gegrilltes ab. In der Zwischenzeit ging ein Mehrkilosack Salz die Runde. Den Einheimischen nachahmend schütteten Ute und ich ebenfalls einen kleinen Haufen Salz direkt auf die Tischplatte. Teller und Besteck: Fehlanzeige. Das Fleisch wurde per Hand in das Salz getunkt und verzehrt. Puristischer und authentischer geht es kaum. Nach rund 2 1/2 Stunden endete das ungeplante Intermezzo abrupt. Wir bedankten uns herzlich für die Einladung, torkelten aus der Hütte und hörten nur noch das Gezeter der Hausherrin, die mit der Gastfreundschaft ihres Gattin weniger glücklich zu sein schien. Der Ausflug zum See fiel ins Wasser und wir ins Bett.

© Max@Mustermann