Wege

Es gibt bekanntlich viele Wege. Als Sohn eines Bergführers faszinierten mich die Berge sehr früh und ließen mich nie mehr los. Damals stand der Gipfel im Vordergrund. Heute ist das anders - auch wenn oben angekommen zu sein noch immer ein erhabenes Gefühl ist. Egal wie hoch der Gipfel ist! Seitdem gehe ich gerne. Spazieren, schlendern, flanieren, wandern, laufen, marschieren und pilgern, ich mag sie alle. Nun aber der Reihe nach. Rein anatomisch gesehen sind wir zum Gehen gebaut. Leg dich 3 Tage auf die Couch und du weißt, was ich meine. Ohne Bewegung wird man kaputt. Also, los geht's!! Durch die Parks einer Stadt schlendern, über die Einkaufsstraßen flanieren oder ein sonntäglicher Spaziergang am See. Am besten mit Freunden, manchmal bin ich lieber alleine unterwegs. Das wirklich Wunderbare daran: Es ist gratis, einfach auszuüben und überall anwendbar. Manche schwören auf das Rad. So richtig aufbrechen und ankommen, vor allem bei mir sein, kann ich aber nu per pedes. Ein kluger Dichter stellte bereits vor rund 200 Jahren fest, dass du auch nur dort wirklich gewesen bist, wo du zu Fuß warst. Und da gab es noch keine Autos oder Züge, geschweige denn Flugzeuge. Es ist ja schon eine komische Angelegenheit, wenn Menschen mit dem Auto zum Flughafen rasen, eilig das Gate suchen, 3 Stunden in die Türkei oder sonst wohin in ein abgeschottetes Resort fliegen, um dort internationale Kost zu genießen, mitteleuropäischen Animateuren zu folgen und mittels WLAN ihre privaten und beruflichen Mails zu checken. Was das mit einer Reise im klassischen Sinn gemein hat, entzieht sich meinem Verständnis. Jetzt ist mir schon bewusst, dass nicht alle die Zeit haben, um nach Rom, Paris, Jerusalem oder gar nach Übersee zu pilgern. Ich kann sie alle beruhigen. Innsbruck, St. Wolfgang oder Gramatneudsiedl sind ebenso empfehlenswert, da es nicht auf das Ziel sondern den Weg ankommt. Eine vielgebrauchte Plattitüde, aber wahr. Die Bedeutung ist wohl klar. Im radikalen Sinn durchleben es jedoch die Wenigsten. Ich kann es nur wärmstens empfehlen. Erlauben sie sich eine Auszeit. Erleben sie Urlaub. Eine Woche ohne Plan, ohne Tagesziel, ohne Reservierung, nur mit der Absicht ein paar Tage zu gehen, soweit man halt kommt. Je länger desto besser. Danach verstehen sie was ich meine. Aber Vorsicht: Es könnte ihr Leben verändern. Bereits drei mal durfte ich dieses Erlebnis mit einem Freund teilen. Wir wählten den Jakobsweg von Salzburg weg. Das erste Mal erreichten wir nach 7 Tagen Hall in Tirol. Laut Routenplaner 2.01 h:min. Wir benötigten für die Strecke 84 mal so lange (inkl. Schlaf), wurden dafür mit zusätzlichen Sechsbillionenfündhundertdreiundsiebzigmilliardenundsechshundertmillionen Eindrücken belohnt. Gut, die hätte es sonst auch gegeben, nicht jedoch in dieser Intensität, mit dieser Selbstwahrnehmung. Unsere Reise sei der schönste Urlaub seines Lebens gewesen, teilte mir mein Freund später mit. Danke dir lieber ..

© Max@Mustermann