Als sich ein Mann und sein Auto fürchteten

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Dein Papa zählt zu jenen Männern, die überzeugt sind, dass Mädchen auch alles können, was Buben können. Wann immer er etwas repariert hat, warst du als kleines Helferlein an seiner Seite. Du reichtest ihm die Schraubenschlüssel in der richtigen Zollgröße und hattest auch sonst immer das passende Werkzeug griffbereit. Als du von daheim ausgezogen bist, konntest du die wichtigsten handwerklichen Dinge im Haushalt selbst erledigen. Du warst also ein Mädl, das den Siphon unterhalb des Waschbeckens selbst auseinandergebaut und gereinigt hat, wenn der Abfluss von den langen Haaren verstopft war. Wenn du als Jugendliche spät nach Hause kamst und er noch wach war, hast du gemeinsam mit ihm noch ein Gläschen an der Bar in der Küche getrunken und über das Leben philosophiert. Also eigentlich ein Spitzenteam.

Umso verwunderlicher erscheint daher seine Überzeugung, dass Frauen nicht Autofahren können. Mit 18 Jahren schickt er dich in die Fahrschule – aber Üben will er nicht mit dir. Schon gar nicht mit seinem Auto! Dieses Fahrzeug, um dessen Wohlergehen er so besorgt ist, ist ein gebrauchter Opel. Die einzige Erklärung die er dir gibt, lautet „Seine Frau und sein Auto borgt man nicht her“. Weitere Diskussionen sind zwecklos. Während rundherum alle Freundinnen mit ihren Vätern ihre Proberunden ziehen, weigert er sich beharrlich dich auch nur in die Nähe seines Fahrersitzes zu lassen.

Zu allem Überfluss bestätigst du leider auch noch das Klischee bezüglich der Einparkproblematik des weiblichen Geschlechts. Auch wenn einem Fahrlehrer nichts fremd ist, siehst du nicht ein, warum du mit diesem Defizit zur Erheiterung fremder Männer beitragen sollst. Solche Defizite sollten innerfamiliär behoben werden. Ein liebender Papa würde sein Töchterchen doch nicht wissentlich dieser Schmach aussetzen.

Nach Tagen des Jammerns und der Bauchpinselei, dass nur er dir das richtig beibringen kann, geschieht das Wunder. Er willigt ein, am nächsten Wochenende mit dir auf einen Verkehrsübungsplatz zu fahren. Im geschützten Umfeld sollst du nun die heiß ersehnte Fahrpraxis auf dem Fahrersitz seines Opels erwerben. Je näher der Tag rückt, umso angespannter wirkt er. Auf der Hinfahrt ist er spürbar nervös, und redet sehr wenig. Plötzlich auf der Bundesstraße ein Ruckeln. Dann ein Knall. Der Opel gibt keinen Mucks mehr von sich und bleibt am Straßenrand stehen. Er steigt aus und öffnet die Motorhaube.

Kein Fluchen, sondern ein breites Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Völlig tiefenentspannt ruft er den ÖAMTC an. Während der Wartezeit versichert er dir immer wieder, dass er wirklich gern mit dir geübt hätte, aber leider nun höhere Mächte das geplante Projekt vereitelt hätten. Dann erscheint sein gelber Engel und erklärt ihm, dass man da nichts mehr machen kann. Das Auto muss abgeschleppt werden und in die Werkstatt.

Am nächsten Tag fährt er mit dir völlig entspannt und gut gelaunt los. Jetzt darfst du mit dem Leihwagen Einparken üben.

© Melly_Mojito