Das etwas andere Alkoholproblem

Du bist für österreichische Verhältnisse alkoholtechnisch nicht wirklich gesellschaftsfähig. Die allgemein anerkannten Getränke wie Bier und Wein schmecken dir nämlich gar nicht. Du hast es zwar immer wieder probiert, denn dein Umfeld hat die Hoffnung nie aufgegeben, dass sich dein Geschmacksempfinden mit dem Alter noch ändert. Aber erfolglos. Bei den Weinverkostungen warst du immer die einzige, die dankbar war, dass sie die Kostproben ausspucken durfte. Auch mit den Neuankömmlingen der vergangenen Jahre wie Aperol-Spritzer und Hugo hatte dein Gaumen keine Freude. All das ist dir einfach zu bitter – und du bist halt eine ganz Süße.

Du hast natürlich versucht, dir den Hugo mit extra viel Hollersaft nach deinem Geschmack zu versüßen, das war aber anscheinend dem Prosecco im Glas nicht geheuer und er hat sich dann mit den Symptomen einer Histaminintoleranz gerächt. Jedenfalls hast du die Beziehung zum Hugo wieder beendet. Es war kein schwerer Verlust – nur vom Geselligkeitsfaktor her betrachtet, war somit die letzte Hoffnung, auf einer klassischen Getränkekarte etwas für dich zu finden, mit dem du auf einen Geburtstag anstoßen könntest, nun wieder dahin.

Die alkoholischen Freuden deines Gaumens heißen Rum und Wodka – die beiden bieten motivierten Barkeepern auch immer wieder neue Möglichkeiten ihr Potential zu entfalten – also sowohl den Barkeepern als auch sich selbst, wenn sie in unterschiedlicher Zusammensetzung in einem originellen Cocktail zur Geltung gebracht werden. Aber Cocktails sind in der typisch österreichischen Gastronomie und beim Heurigen leider eher selten, da sich diese lieber mit ausgefeilten Weinkarten als mit einem Spirituosen-Zucker-Gemisch rühmen.

Eines Tages triffst dich mit einer Freundin mit Kind am Nachmittag in Sand-in-the-City (Anm. Gastronomiebereich auf aufgeschüttetem Sand in Wien mit Musik für das Urlaubsfeeling in der Stadt). Die Kinder sind 1,5 Jahre alt und können dort im Sand spielen. Nach zwei Stunden beschließt du, dass du jetzt auch etwas Urlaubsfeeling brauchst und stellst dich an, um dir einen Cocktail zu holen. Als du mit dem Glas in der Hand freudig zurückkommst, kämpft deine Freundin mit einem unrunden Kind, das sie nicht beruhigen kann. Bevor du deinen zweiten Schluck trinken kannst, steht sie auf und erklärt dir, dass es ihr leid täte, aber sie müsse jetzt heimfahren. Dein Kind ist zwar entspannt – aber du würdest eine ziemlich verzweifelte Mama abgeben, wenn du jetzt allein mit dem Kleinkind hier deinen Cocktail schlürfst. Andererseits wäre es so schade ihn stehen zu lassen…

Jedenfalls macht es Sinn, dass dein Kinderwagen behängt ist wie eine mobile Greißlerei. Du findest eine leere Babyflasche und der isolierte Fläschchenbehälter hält ja bekanntlich nicht nur warm – sondern auch kühl. Als du deinen geretteten Cocktail auf deinem Balkon austrinkst, hast du sogar noch ein paar kleine Eiswürfelstücke drinnen. Weintrinken wär wirklich stressfreier.

© Melly_Mojito