Die Chaos-Mama beobachtet die Mannwerdung

Im Kindergarten wurdest du von der Betreuerin zur Seite genommen und aufgeklärt, dass dein 5-jähriger zweigleisig fährt und du das im Auge behalten sollst. Das Kind hatte eine Freundin in seiner Gruppe und fand auch ein Mädchen aus der anderen Gruppe sehr nett. Damit er mit beiden Zeit verbringen konnte, verrichtete er freiwillig Putzdienste, und verhandelte mit den Betreuerinnen aus, dafür in die andere Gruppe zum Spielen gehen zu können. Sie fanden die Putztätigkeit sehr erfreulich, die zugrundeliegende Motivation aber schon sehr bedenklich. Für die Kindergartenpädagogin, waren hier schon die Anfänge eines notorischen Fremdgängers ersichtlich, du hingegen warst beeindruckt von seinem Organisationstalent.

Jedenfalls hat ihm die 5-jährige "Erstfrau" sein Verhalten auch nicht übel genommen und reist heute noch regelmäßig aus dem Ausland an, um ihn zu besuchen. Fünf Jahre sind ins Land gezogen und beide haben ihr Herz an andere verloren, aber die Freundschaft ist immer noch intakt.

Während der mittlerweile 10-jährige also einen unkomplizierten Umgang mit den Mädchen pflegt und auch in der Volkschule oft die Rolle des Beschützers der Mädchen vor den bösen Jungs inne hat, gibt es nun wieder einen 5-jährigen mit einem komplett konträren Verhaltensmuster. Im Alter von drei Jahren wurden Mädchen noch im Reigen der Freunde akzeptiert, aber mit vier kam plötzlich die große Wende. Wenn in der Straßenbahn neben einem freien Sitz ein Mädchen saß, musstest du einen anderen Sitzplatz suchen. Er verweigerte die Teilnahme in den Kinderclubs im Urlaub, wenn Mädchen am Tisch saßen. Der Musikkurs und der Hip-Hop-Kurs mussten wegen der Dominanz des weiblichen Geschlechts abgebrochen werden. Mit ihm verläuft die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben somit etwas komplizierter.

In seinem Leben gibt es ein einziges Mädchen, das er akzeptiert, wobei das eine ziemlich tagesabhängige Freundschaft ist. Aber immerhin, eine hat es geschafft, die hohen Anforderungen zu erfüllen, um seine Gunst zu gewinnen.

Als nun der große Bruder Besuch von seiner ehemaligen Kindergartenfreundin bekommt, ist der Kleine anfangs wie gewohnt sehr kommunikativ und versteckt sich in seinem Zimmer. Da die Gäste aus dem Ausland einen mehrtägigen Aufenthalt in deinem Zuhause geplant haben und somit keine Anstalten machen zu verschwinden, muss er notgedrungen sein Zimmer verlassen. Am dritten Tag ist er schon ganz euphorisch und bittet sie, ihm die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Er teilt sogar seine Gummibärchen mit ihr. Als sie abreist ist er zutiefst betrübt und fragt, wann sie wiederkommen wird. Als du ihn danach freudig anlächelst und sagst, wie toll du das findest, dass er nun auch ein anderes Mädchen mag, sieht er dich hilflos an und sagt: „Ich weiß auch nicht, was passiert ist, ich bin da irgendwie reingekippt.“ So gesehen, gar nicht schlecht, dass der große Bruder weiß, wie man sich mit einer "Zweitfrau" absichert.

© Melly_Mojito