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Die Chaos-Mama trifft Knight Rider

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Die Chaos-Mama trifft Knight Rider | story.one

Da stehst du nun, wegen einer Betriebsstörung inmitten von hunderten gestrandeten Menschen auf einem Bahnhof, wo du nicht hinwolltest. Die Durchsage ertönt. Für die Weiterfahrt sollen alle den nächsten Zug auf Bahnsteig 1 nehmen. Auf allen Gleisen bleiben Züge stehen und spucken weitere Menschenmassen aus. Der Zug, auf den nun alle warten, hält auch in dem Ort, der das Ziel deines übernächsten Umstiegs gewesen wäre. Da sich deine reservierten Sitzplätze gerade ohne dich auf den Weg dorthin begeben, fragst du also einen Bahnmitarbeiter, ob es möglich sei, mit diesem Zug bis zu dieser Station weiterzufahren. Er erklärt dir, dass dies in solchen Ausnahmesituationen natürlich kein Problem sei. Jetzt musst du nur noch in den Zug hineinkommen. Schwierig, denn du hast am Rücken den Riesenrucksack, an der einen Hand den 5-jährigen, an der anderen den Koffer und daneben den 10-jährigen. Da klingen die Worte des Bahnmitarbeiters in deinem Ohr nach – Ausnahmesituation! Um deine Jungs unbeschadet hier reinzukriegen, triffst du also eine verwegene Entscheidung – und bist tatsächlich die Einzige, die in den Wagon der ersten Klasse einsteigt. Menschenleer. Fast unheimlich. Dann ertönen die Durchsagen im Minutentakt: „Halten Sie bitte die Durchgänge frei!“, „Der Zug ist nicht für so viele Passagiere vorgesehen“, „Sie behindern die Weiterfahrt des Zuges!“ Nach 20 Minuten, in denen der Zug sich keinen Millimeter bewegt hat, werden die Durchsagen schon etwas persönlicher: „Mein Zug ist nicht so groß, dass ihr alle reinpasst“. „MEIN“ Zug? Klingt gar nicht gut. Ganz extreme Ausprägung der Corporate Identity beim Schaffner. Du willst dir gar nicht vorstellen, welches Chaos in den anderen Wagons herrscht. Dann fährt der Zug endlich los. Die Tür geht auf. Er kommt. Der Schaffner – bzw. Knight Rider. Ein Mann und sein Zug kämpfen gegen das Unrecht. Aber gegen welches? Gegen seines, dass sich in „seinem“ Zug Horden von Menschen drängen und seinen Zeitplan durcheinander bringen oder gegen deines? Du kannst ja auch nichts dafür, dass du mit „seinem“ Zug fahren musst und nur hier Platz ist. Du erklärst ihm gleich, dass du weißt, dass du nicht hierher gehörst, aber die Kollegen am Bahnsteig hätten gesagt, dass heute wegen der Ausnahmesituation usw...

„Das ist mir wurscht, was die sagen, das ist „mein“ Zug, und ich sage Ihnen, bis wohin Sie fahren dürfen“. Schluck! Er sieht sich deine Fahrkarte an, dann schweift sein Blick über deine Jungs, die ganz artig und eingeschüchtert auf den nicht für sie vorgesehenen Plätzen sitzen und über deine Vielzahl an Gepäckstücken. Er sieht dich an und sagt „Sie bleiben da jetzt sitzen und fahren mit mir bis knapp vor Wien.“ Wow! Das ist das Beste, was dir je von einem Mann aus Mitleid widerfahren ist. Das ist ja viel weiter, als du dir in deinen kühnsten Träumen ausgemalt hättest und du darfst in der 1.Klasse bleiben. Danke Knight Rider! Im grantigen Schaffner war tatsächlich „dein fahrender Ritter“ versteckt.

© Melly_Mojito 14.04.2019

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