Die Chaos-Mama und der Hase des Grauens

Der 3-jährige singt und tanzt gerne. Du denkst, dass ein Musikkurs genau das Richtige für ihn wäre und meldest ihn für einen Mutter-Kind-Kurs an. In der ersten Einheit herrscht völliges Chaos, da auch einige ältere Kinder ohne Eltern teilnehmen. Die Größeren spielen fangen, während die Kleinkinder mit ihren Müttern bunte Tücher in der Luft schwingen und singend im Kreis gehen. Dein Sohn ist wenig begeistert und beteiligt sich nur beim Fangen spielen der autonomen Gruppe. Am Ende des Kurses fragst du dich, ob das wirklich eine gute Entscheidung war, da nur du gesungen und getanzt hast. Eine Woche später werden die großen Kinder auf einen anderen Kurs umgebucht und es verbleiben nur mehr 3-jährige Mädchen und dein Sohn. Als er sich wieder dem Tanzkreis verweigert, bist du etwas irritiert und willst den Grund wissen. Er erklärt dir, dass er sicher nicht mittanzen wird, da jetzt nur mehr Mädchen anwesend sind. Du versuchst ihn mit Gummibärchen zu überzeugen und appellierst an sein Mitgefühl, da du die Kursgebühr bereits bezahlt hast. Als dein komplettes Repertoire von Motivieren bis Flehen genauso erschöpft ist, wie der Gummibärchen-Vorrat in deiner Handtasche verlässt du vorzeitig die Kurseinheit. Am nächsten Tag rufst du die Direktorin der Musikschule an und ersuchst um die Rückerstattung der Kursgebühr. Sie weigert sich, bietet aber an, ihm für die bezahlte Gebühr Einzelunterricht zu geben. Eine Woche später werdet ihr beim Betreten des Kursraumes von zotteligen und staubigen Stofftieren begrüßt, die von der Direktorin, in Ausübung einer eigenwilligen Variation eines Kasperltheaters, bedrohlich vor dem Kind umher gewirbelt werden. Untermalt wird der bizarre Auftritt von wechselnden, unangenehm schrillen Kreisch- und Quiekstimmen. Das Kind wird von den verhaltensauffälligen Stofftieren zu einem Xylophon begleitet und aufgefordert gewisse Töne mit dem Schlägel anzuschlagen. Anscheinend gefallen ihm andere Töne besser und so schlägt es immer genau dort drauf, wo der staubige Kreischhase und der zottelige Quiekbär nicht hinzeigen. Die Direktorin lässt sich nicht unterkriegen. Die Tonlage von Hase und Bär wird immer höher. Du bekommst Kopfschmerzen von der Geräuschkulisse und fragst dich, ob sie ehrlich glaubt mit dieser Nummer erfolgreich zu sein. Das Kind findet es lustig, ist aber auch scheinbar irritiert, warum diese Frau hier neben ihm auf dem Boden so quiekt. Plötzlich stimmt sie in dieser markdurchdringenden quiekenden Stimmlage ein Lied an und bittet das Kind mitzusingen. Das pfeift ihr aber was. Nun verlangt sie von dir, dass du mitsingen sollst. Du leidest - aber nicht mehr still. Dann zwingt sie dich, ein Video auf deinem Handy von ihr zu machen - während sie singt. Damit soll das Kind bis zum nächsten Termin daheim das Lied üben . Du trittst völlig traumatisiert und mit leichtem Tinnitus den Heimweg an. Schlussendlich bekommt dein 8-jähriger für den Restbetrag Klavierstunden in der Musikschule.

© Melly_Mojito