Die Kuh "lost in translation"

Nach einer Ausbildung zur Assistentin der Geschäftsleitung bewirbst du dich bei einem Mann, der mehrere Firmen sein Eigen nennt. Je nachdem welches Lämpchen auf dem Telefon blinkt, musst du dich am Telefon mit dem entsprechenden Firmennamen melden und zu jeder Firma mit den entsprechenden Kenntnissen über die jeweiligen Produkte und Agenden auftrumpfen. Es gibt fünf verschiedene Möglichkeiten. Am Ende des Tages verstehst du ansatzweise das Dilemma von gespaltenen Persönlichkeiten. Briefe werden auf der Schreibmaschine getippt, nachdem der Boss sein Begehren in ein Diktiergerät gesprochen hat. Hier gilt es dann das richtige Briefpapier zu erwischen. Alles kein Problem.

Die größte Herausforderung ist, dass du – obwohl du davon keine Ahnung hast - auch für die Buchhaltung zuständig bist. Dieses Nichtkönnen teilst du mit deiner einzigen Kollegin, die einen Monat vor dir hier die Arbeit aufgenommen hat. Die Zuordnung der Belege erfolgt ähnlich wie bei einem Ratespiel, hauptsächlich nach Bauchgefühl. Aufgrund der fehlenden Grundkenntnisse wird auf Banalitäten wie Soll und Haben rigoros verzichtet. Alle zwei Wochen kommt dann der „echte“ Buchhalter vorbei um eure Buchführung zu kontrollieren und abzusegnen. Der geschätzt 100-Jährige verschwindet im Hinterzimmer. Leise Stoßgebete und Seufzer werden vernommen. Kopfschüttelnd verlässt der alte Mann das Büro. Zwei Wochen später derselbe Ablauf.

Er dürfte dem Boss seine Bedenken mitgeteilt haben, dass er bald ein armer Mann sein würde, wenn die beiden Mädchen weiter für die Führung seines Kassabuches zuständig seien. Also streicht er vorsichtshalber die Buchhaltung aus deiner Aufgabenliste. Jetzt willst du ihm beweisen, dass du trotzdem für ihn eine Spitzensekretärin bist.

Im zweiten Monat wünscht der Boss einen Brief in englischer Sprache. Du verstehst kein Wort aus dem Diktaphon. Spulst permanent zurück. Das Englisch aus dem Kopfhörer ist gewöhnungsbedürftig. Der Brief geht an den Verwalter seiner Ranch in Mexiko. Er erwähnt mehrmals Kühe und bezieht sich auf ein Angebot, dass ihm anscheinend vor deiner Zeit gemacht wurde. Nach mehrmaliger Wiederholung bist du überzeugt, dass es sich bei dem gehörten Betreff um einen „Butcher‘s Order“ handeln muss. Ein „Fleischhauer-Auftrag“?

Eigenartig, aber irgendwie ergibt es Sinn. Er will anscheinend seine Rinder dem ortsansässigen Fleischhauer verkaufen und der Verwalter soll den Auftrag nun abschließen. Der Brief wird abgeschickt.

Zwei Wochen später ruft er dich völlig aufgebracht in sein Büro. Mit hochrotem Kopf faucht er dich an, was dir einfällt, seine Kühe zu verkaufen! Er hatte einen „Purchase Order“, also einen Kaufauftrag für einen neuen ZAUN (=fence) für seine Rinderfarm diktiert. Wegen dieser „Fans“ der Kühe – bist du gedanklich beim Steak und somit beim Fleischer gelandet.

Es war dann sehr schnell geklärt, dass er mit dir - im Gegensatz zu seinen Kühen – keine gemeinsame Zukunft haben will.

© Melly_Mojito