Ein Paradoxon - Lehrer und Gerechtigkeit?

Als ich ins Gymnasium kam, wurde meinen Eltern durch Mundpropaganda vermittelt, dass ich unbedingt als unverbindliche Übung Handball wählen sollte, da dies das Steckenpferd meiner Matheprofessorin sei. Mit ihren Mädels nahm sie regelmäßig an Schulmeisterschaften teil – und diese Handballgöttinen, wurden von ihr auch seit jeher in Mathe bevorzugt. Also stand ich mit meinem Vater im Alter von 10 Jahren einen Sommer lang auf einer Wiese um Ballfangen zu erlernen. Ich war auf diesem Gebiet immer schon ein Naturtalent, dh. ich war nie da, wo der Ball war und umgekehrt. So kam es, dass ich ohne entsprechende Begabung für Handball angemeldet wurde. Ein mittleres Drama – aber ich blieb tapfer neben dem Ball, um mir ihre Gunst für Mathematik zu sichern. Am Ende des ersten Semesters gab ich auf, schließlich standen ab einem gewissen Punkt auch Freundschaften auf dem Spiel.

In den folgenden Jahren gewannen also die handballspielenden Mädels schöne Pokale und laufend gute Mathe-Noten. Wir fünf nicht ballaffinen Mädels waren froh über unser Befriedigend und waren guter Dinge, dass diese Ungerechtigkeit mit Ende der Unterstufe beendet sein würde.

Dann geschah etwas sehr Seltsames. Die Mädels waren einfach zu gut – und Frau Professor wollte mehr Titel und Pokale gewinnen. Mit einem ominösen Schnellsiedekurs, den sie im Sommer absolvierte, durfte sie völlig unerwartet nun auch die Oberstufe unterrichten. Das Problem war, dass sie keine Ahnung von Mathematik hatte. In der 6. Klasse verliebte sich eine Handballerin in ihren Sohn, der ein Jahr älter war als wir und eine andere Schule besuchte. Sie erzählte, dass unsere Mathehefte regelmäßig in seinem Zimmer lagen – d.h. er korrigierte unsere Schularbeiten – seine Mutter konnte es tatsächlich nicht…

In der 7. Klasse im Halbjahr hatten wir fünf nicht handballspielenden Mädchen plötzlich eine Gefährdung. Da wir weder an Handball noch an ihrem Sohn interessiert waren, besuchten wir also in den Semesterferien einen Nachhilfekurs. Diese eine Woche brachte uns so viele Aha-Erlebnisse, dass wir nun auch verstanden, was wir in der 5. und 6. Klasse nur von Mitschülern abgeschrieben hatten. Dank der Nachhilfe konnten wir alle positiv die 7.Klasse abschließen. Nun stand aber die Matura vor der Tür.

Eines Tages kam Frau Professor mit einem roten Buch in die Klasse. Sie trug es immer bei sich und ließ es nie auf ihrem Schreibtisch liegen – das weckte unser Interesse.

Der Buchtitel lautete „250 Mathe-Maturabeispiele und ihre Lösungen“. Die Verkaufszahlen des Buches schossen in den darauffolgenden Wochen in die Höhe. Wir wussten, dass sie keine anderen Beispiele geben würde, da sie ja nur hier die Lösungen finden würde (damals gab es ja kein Internet). Wir lernten also brav auswendig unsere 250 Beispiele und brillierten alle völlig angstfrei bei der Mathe-Matura.

Conclusio?

Am Ende siegt immer die Gerechtigkeit!

Trotzdem ist es unnötig, dass man immer noch solche Lehrer auf Kinder loslässt!

© Melly_Mojito