Die Chaos-Mama und der Paketzusteller

Du bist zum zweiten Mal Mutter geworden. Dein Sonnenschein will alle 1,5 Stunden gestillt werden. Die Monate vergehen und euer Schlafrhythmus bleibt unverändert. Du siehst richtig gut aus mit den Augenringen, die bis zu den Mundwinkeln reichen. Du versuchst also die Schlafphasen des Sonnenscheins zu nutzen, um dich wieder gesellschaftstauglich zu machen. Wenn du Glück hast, schaffst du es bis elf am Vormittag, wenn du Pech hast, siehst du abends immer noch so aus.

Eines Tages läutet es an der Tür. Es ist der Paketzusteller der Post, der dich mit großen dunklen Augen anstrahlt und dir sein schönstes Lächeln schenkt. Er sieht wirklich verdammt gut aus. Die nächste Bestellung ist unterwegs. Nun hast du wirklich Stress. Du musst nun also das Programm zur Wiederherstellung des Pre-Baby-Zustandes vorverlegen. Er könnte ja schon um zehn klingeln. Ein Blick in diese Augen und dein Tag ist gerettet.

Einmal als du mit Sonnenschein im Kinderwagen spazieren fährst hörst du jemanden deinen Namen rufen. Es ist der Paketzusteller. Er erkennt dich sogar auf der Straße, ohne dass du deine Türnummer auf der Stirn eintätowiert hast. Das ist ein gutes Zeichen. Du fühlst dich nahezu begehrt. Du bist nicht irgendeine Zustelladresse - nein! - du bist die Frau, deren Namen er kennt!

Die Wochen vergehen und er hat nun erkannt, dass du aufgrund deiner neuen Lebenssituation vorrangig daheim anzutreffen bist. Was ist die logische Konsequenz, wenn ein Paketzusteller weiß, dass eine Frau fast täglich vormittags in ihrer Wohnung weilt?

Er braucht die nicht zustellbaren Pakete nicht mehr zur Post bringen. Er hat ein Zwischendepot gefunden! Als neues Servicezentrum der Post hast du nun fast zwei Mal die Woche Besuch von deinem Traumprinzen. Du bekommst nun regelmäßig Pakete, die nicht für dich bestimmt sind, dafür lernst du in den folgenden Monaten fast alle Bewohner des Hauses kennen. Du schwebst auf einer rosaroten Wolke. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als es früh am Morgen an deiner Tür läutet, während du gerade Sonnenschein stillst. Du erwartest deine Eltern und bist noch in deinen attraktiven Stillpyjama gehüllt.

Starr vor Schreck blickst du in die ebenfalls geweiteten, ach so schönen, dunklen Augen deines Paketzustellers. Das an der heraushängenden Brust nuckelnde Baby bleibt völlig tiefenentspannt. Du versuchst das Erlebnis als ganz natürlich herunterzuspielen und doch lösen sich gleichzeitig alle deine Tagträume in Luft auf.

Zwei Tage später läutete es an der Tür. Ein Ferialpraktikant der Post steht vor dir. Du ringst nach Luft. Ist er so traumatisiert, dass er sich vertreten lässt? Ist er so begeistert, dass er auch jüngeren Kollegen mal einen Anblick der besonderen Art bieten will? Oder ist es einfach nur Sommer geworden und die Urlaubsvertretung planmäßig im Dienst? Du wirst es nie erfahren. Aber du wirst wieder die lokale Wirtschaft unterstützen und keine Online-Bestellungen mehr tätigen, bis die Karenz vorüber ist.

© Melly_Mojito