Die verborgenen Schätze der Großstadt

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Die verborgenen Schätze der Großstadt | story.one

Meine Großeltern führten bis Mitte der 70er Jahre eine Fleischerei in Ottakring, in einem unauffälligen, klassischen Wiener Zinshaus. Da meine Urgroßeltern ihre Waren noch mit dem Pferdewagen transportierten, brauchte es auch einen Stall für die Tiere. Vom Innenhof des Hauses führte eine Pferdetreppe in das Untergeschoss, wo sich die Ställe befanden. Noch in den 50er Jahren konnte es passieren, dass plötzlich ein Pferd vor dem Fenster stand und meiner Urgroßmutter bei der Arbeit in der Fleischerei zusah. Direkt neben den Ställen befanden sich mehrere Lagerräume. Einer davon wurde dem Zeitgeist des 68er-Jahres entsprechend, von meiner Mutter und ihrem Bruder zum Partykeller umfunktioniert. Die Wände wurden „tapeziert“ mit Eierkartons und Alufolie zwecks der Dämmung und für den besseren Diskokugeleffekt.

Obwohl dieser Keller für uns Kinder schon aufregend und sehenswert war, verbargen sich die wahren Schätze dieses Grundstücks einige Türen weiter. Der Innenhof wurde durch ein Nebengebäude begrenzt, das die Selchkammer, das Kühlhaus und das „Wurstzimmer“ beherbergte, das in den 80er Jahren als Abstellplatz für unsere Fahrräder diente. Von dort gelangte man über Stufen zu einer schweren Eisentüre, die die Verbindung zu einem von wilden Wein überwucherten Anbau bildete. An den Seitenwänden waren alte Transportkisten aus Holz mit dem Aufdruck des Namens des Ur-Urgroßvaters gestapelt, mit denen die Waren Anfang des 19Jhdt in die Kronländer verschickt wurden. Auf der Decke stand in riesigen, kunstvoll geschwungenen Lettern, dass das Rauchen und Hantieren mit offenem Licht polizeilich verboten sei. Dieses Gebäude wirkte wie ein zum Leben erwachtes Bild aus einem Geschichtsbuch. Ein mächtiges Holztor am Ende des Raumes führte zu einem großen Platz, wo früher Ziegen, Schweine, Hasen und Hühner umher liefen. Nun war nur noch der Hühnerstall übrig. Es war also ein weiter Weg, wenn meine Schwester und ich losgeschickt wurden, um die Eier einzusammeln.

Aber der Weg war es jedes Mal wert. Denn neben dem Hühnerstall führte eine Steintreppe in das kleine Paradies meiner Großeltern. Ein Garten, umgeben von Flieder- und Rosenbüschen, Tannen und einem mächtigen Nussbaum. Daneben stand eine kleine Holzhütte, in der die wichtigsten Garten-Utensilien meines Opas beherbergt waren – sein Liegestuhl, ein Radio, ein Bretterl und ein Messer für seine Jause und eine Gartenschere, um die Rosen für die Oma abschneiden zu können.

Während andere Kinder damals zu ihren Großeltern aufs Land fuhren, um diese Freiheiten zu erleben, mussten meine Schwester und ich nur mit der Bim nach Ottakring fahren um „Landluft“ und diesen ganz besonderen Abenteuerspielplatz genießen zu können.

Das ist das Geheimnis dieses Bezirks. Während oben auf dem Wilhelminenberg ganz offensichtlich die stolzen Villen thronen, verbergen sich unten im tiefsten Ottakring, hinter manch schäbiger Fassade, die wahren Schätze der Großstadt.

© Melly_Mojito 09.03.2020