Sprachenvielfalt versus Sprachlosigkeit

Du bekommst die Gelegenheit einige Monate in Brüssel zu verbringen und Europapolitik von innen zu beobachten. Fasziniert betrachtest du die vielen Kojen mit den Dolmetschern im Saal. Vor dir auf dem Pult steht ein Kästchen mit vielen Knöpfen, wo du dir die Sprache auswählen kannst, in der du dir die Vorträge vom Rednerpult, simultan übersetzt, in deinem Kopfhörer anhören kannst. Du entscheidest dich für Deutsch, du sollst ja mitschreiben und auch verstehen, was hier diskutiert wird. Bei Themen, die für dich nicht von Relevanz sind, drückst du im Random-Verfahren auf die Knöpfe und hörst dir die Beiträge in allen verfügbaren Sprachen an. Du verstehst weder Schwedisch noch Spanisch, aber es macht die Vorträge wesentlich interessanter.

Da du das letzte Mal vor 14 Jahren französisch gesprochen hast, hast du dir vor der Abreise einige Bücher besorgt, um deine Französisch-Kenntnisse wieder zum Leben zu erwecken. In der Annahme, dass du die nächsten Monate ganz allein in einer fremden Stadt verbringen wirst, mit vielen einsamen Stunden, soll das dein Beschäftigungsprogramm werden.

Die Annahme, dass du viel Zeit alleine verbringen wirst, war definitiv falsch. Es sind ja fast alle, die hier arbeiten oder studieren, alleine hier – und somit bist du nie allein, weil irgendwer immer ein Fest organisiert oder die Vertreter eines Landes einen Empfang geben. Daheim würdest du jegliche Annäherung als Anmachversuch bewerten. Hier hingegen erscheint dir jede Kontaktaufnahme einfach nur logisch. Kaum betrittst du ein Lokal, sitzt du schon an einem Tisch mit Menschen aus allen Teilen Europas und verbringst einen lustigen Abend und gehst meist mit einer Einladung zu einer Party für das nächste Wochenende nach Hause. Während du fast ein wenig unter Freizeitstress leidest, ist dein Französisch-Buch wirklich sehr einsam hier.

Eines Tages stehst du im Supermarkt und bezahlst deinen Wocheneinkauf. Die Kassiererin hat dir zwei Packungen Klopapier verrechnet, obwohl du nur eine in deinem Einkaufswagen hast. Jetzt ist der Moment gekommen, wo du mit „Bonjour“ und „Merci“ nicht mehr weiterkommst. Verzweifelt kramst du in den hintersten Ecken deines Gehirns nach brauchbaren Vokabeln. Nichts. Alles weg. Du stehst mit der Klopapierpackung in der einen Hand, dem Kassabon in der anderen und wedelst aufgeregt vor ihr herum und sagst abwechselnd „l'un“ und „deux“. Sie sieht dich verständnislos an. Englisch versteht sie auch nicht. Du wackelst immer heftiger mit den Klopapierrollen vor ihrem Kopf herum „l'un, l'un!“ Dann nimmst du die Rechnung und zeigst auf die 2 verrechneten Packungen. Jetzt lächelt sie, denn sie hat endlich deine sprachlichen Höchstleistungen untermauert von deinen unkoordinierten Bewegungen verstanden. Sie zeigt auf den Infoschalter im Supermarkt. Uff! Jetzt musst du das ganze nochmal erklären. Wie schön wäre es jetzt, wenn die hier auch dieses kleine Kästchen mit den Knöpfen für die Simultanübersetzung hätten.

© Melly_Mojito