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Mein Haus in Kanada

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Mein Haus in Kanada | story.one

Einfach Weglaufen, das wollte doch fast jeder schon Mal.

Weg. Nach Griechenland vielleicht, S.T.S. sei's gedankt.

Als es bei mir an der Zeit war, abzuhauen, wollte ich nach Kanada.

Nicht bloß für ein paar Wochen. Für ganz lang.

Mir ein leerstehendes Haus suchen. Es sollte natürlich nicht zu teuer sein, dafür konnte es aber auch gern etwas heruntergekommen sein.

Die ideale Gelegenheit, um sich die Stunden zu vertreiben und aus dem Grübeln rauszukommen: ein Haus wieder auf Vordermann zu bringen.

Die Sache am Erwachsen sein ist halt, dass man das nicht mehr einfach so machen kann, das Weglaufen.

Man hat schließlich Verantwortung. In der Ehe. In der Familie. Im Beruf.

In der Ehe.

Die war ja der Grund, warum ich weglaufen wollte.

Ungefähr drei Jahre waren seit einer schweren Ehekrise vergangen. Ich hätte das niemals für möglich gehalten, aber es hat wirklich Jahre gedauert, bis wieder so etwas wie emotionale Normalität eingekehrt ist.

Und nun, langsam, nach besagten drei Jahren, begann sich abermals anzukündigen, dass wohl nur drei von vier Personen in dieser Familie mit diesem Leben zufrieden waren - von "Glücklich" will ich hier absichtlich nicht schreiben. Hier soll aber keine Schmutzwäsche gewaschen werden, weil es gehören immer zwei dazu, wenns nicht mehr funktioniert.

Weglaufen ging also nicht. Wegen der Verantwortung.

Ich habs trotzdem gemacht.

Kurz, nachdem der Wunsch nach diesem Haus geboren war, stand ich urplötzlich mitten drin.

Mitten im Grundstück. Mitten im Haus. Ich hab da wohl eine Bestellung ans Universum gemacht, die tatsächlich angekommen ist.

Niemand sollte merken, dass dieses Haus wieder bewohnt wird - wenn auch nur gelegentlich. So habe ich an jenen Ecken mit meinen Arbeiten begonnen, wo es nicht auffällt.

Am Dachboden. Im Keller. An der Elektrik und der Heizung.

So ist es mir zu dem Zufluchtsort geworden, den ich mir gewünscht habe.

Heute, Jahre später weiß immer noch niemand davon. Nicht meine Geschwister, nicht meine Eltern, nicht meine Kinder, nicht meine Freunde, nicht meine Kollegen, kein Nachbar. Nicht meine damalige Frau.

Wie das geht? Zwischen Österreich und Kanada?

Naja, dieses Haus in Kanada, das gibts tatsächlich. In meinem Kopf.

In Wirklichkeit stehts im Mühlviertel. Aber die Idee, dass ein Nagel in Kanada ins Holz geschlagen wird, hatte etwas irrsinnig Befreiendes.

Heute muss ich nicht mehr wegrennen. Die Ehe ist Vergangenheit. Und das ist gut so. Für alle.

Das Haus in Kanada hat mir nicht nur über schwere Zeiten geholfen. Es hilft mir auch heute dabei, mein neues Leben mit anderen Augen zu betrachten.

Denn ich wohne nicht in einem Haus, wo die Erinnerungen an ein früheres Leben dominieren. Ich wohne in einem Haus, das mir gehört und das ich nach meinen Vorstellungen und Wünschen gestalten kann.

Genauso, wie mein neues Leben.

Lesen ist Abenteuer im Kopf? Weglaufen auch.

(Bild: Matthieu Joannon, unsplash)

© Menzi 2020-10-17

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