Romantik

  • 476
Romantik | story.one

In weiten Teilen des Landes regnet es heute und es ist so eine Art "musikhörbuchleseschmusekuschel Stimmung" draussen die mich aber auch an mein "Bootcamp" bei den Pfadfindern zurückerinnert. Das sollte ich euch vielleicht nicht vorenthalten.

In Volksschulzeiten war ich Pfadfinder, genauer gesagt "Wölfling" das sind die Kleinen die sich auch schon etwas austoben dürfen. Als solcher fuhr ich zu meinem ersten ( und letzten ) Pfadfinderlager nach Loretto im Burgenland. Unser Zettlager wurde in einem kleinen, dichten Wäldchen aufgeschlagen das der Wahlfahrtskirche gegenüber lag. Der Verbindungsweg dazwischen war gesäumt von den prächtigsten Kirschenbäumen der Welt.

Nun, ich freute mich unsagbar auf die "Indiana Jones Woche für Zwerge" und war extrem aufgeregt. Erstmalig, Zelt, Schlafsack, Lagerfeuer, Essen selber kochen usw. Die Begeisterung ebte bereits bei der Anreise rasch ab denn es schüttete in Strömen. Dieser Umstand begleitete uns die ganze Woche. Tag und Nacht.

Das Lager wurde auch um zwei Tage früher abgebrochen doch - soweit sind wir noch nicht.

Ich bezog mit meinem Freund Oliver ein Zelt. Oliver: Schlampiger Dreikäsehoch, Struppelfrisur, runde Drahtbrille, Hemd immer aus der Hose sowie permanent offene Schuhbänder. Das fleischgewordene Chaos. Aber Oliver hatte den besten Rucksack der Welt. Er war nämlich gut gefüllt mit Mannerschnitten, Keksen, Gummibären usw.

Wie gesagt es schüttete dermaßen, dass das Wasser schon in die Zelte kam, wir auf schlammigen Untergrund lagen, unsere Körperpflege der eines suhlenden Schweines nicht unähnlich war und unser Kochkünste, die als Aufgabe gestellt wurden, so schmeckten.

Ich bekam als 9 Jähriger den Auftrag: "Wurstschüsserln" in der Pfanne über Feuer zu braten. Oliver war "Heizer" - für`s Feuer verantwortlich. Ob der Witterung hockte ich mit der scheis Pfanne vor einer Flamme in der Größe eines Bunsenbrenners und der Regen lief mir in die Hose bis in den ...

"Oliver! Das Feuer geht aus!"schrie ich verzweifelt.

Ich vernahm noch ein "Achtung ich leg nach!" dann ein PFFFFFF und einen Strahl Spiritus der über meine Schulter ins Feuer abgegeben wurde - STICHFLAMME! Ich klinkte die Wurstschüsserln aus, ließ mich zur Seite fallen und starrte in die Flamme wo unser Essen zu Briketts transformierte.

Es schüttete unentwegt.

Wir ernährten uns nur noch von Olivers Keksen die mittlerweile auch von den Ameisen geliebt wurden. Das es sich hierbei NICHT um leckeren Krokant zwischen den Zähnen handelt merkten wir nachts erst im Schein der Taschenlampen.

Beim Kirschpflücken fiel ich dann noch vom Baum und brach mir den rechten Arm. Zu Haus angekommen sagte Mutter: "Du bleibst am Gang stehen!" zog mich splitter nackt aus und übergab meine Kleidung dem Feuer. Auch die Socken waren nicht mehr zu retten. Sogar der Hund verzog sich...

Frisch gebadet, mit einer Tasse heißem Kakao fand ich mich gemütlich auf dem Bett meines Kinderzimmers wieder. Es regnete.

Kekse wollte ich keine.

© Merlin64 15.05.2020