skip to main content

#1sommer1buch#zwischendenzeilen#reich

Leck mich doch!

  • 350
Leck mich doch! | story.one

Die Gewissheit ist da: Ich werde mal wieder wachgeleckt werden. Dabei wird jede in Leckweite verfügbare Hautstelle benetzt werden. Das ist nicht zu ändern. Er leckt, ich streichle: Guten Morgen, M. Er hat sich vor zwei Tagen für zwei Wochen bei mir einquartiert – endlich und zu meiner Freude. Wir ergänzen uns, und das nicht nur weil er an den Stellen Staub wischt, für die ich die Wohnung umstellen müsste. Wenn ich runterfahre, dann wird er aufmerksam und umgekehrt.

Dazwischen können wir beide auch beides – gerne im wilden Wechsel. Das passiert spätestens dann, wenn in der Ferne ein Pärchen aus Artgenossen für ihn und für mich auftaucht. Sein Blick klebt dann an dem seinen und meiner wandert abwechselnd zwischen allen dreien hin und her. Durch die sich annähernde Begegnung wabert in gebündelter Aufmerksamkeit die Frage, welche Verbindung da wohl besteht. Das steht so lange im sich verkleinernden Raum, bis es klar wird – manchmal auch schon aus der Ferne.

Wenn ich beschließe, mit ihm auf Entdeckungstour zu gehen, dann weiß er das oft schon bei meiner ersten Bewegung und springt auf. Wenn ich dann noch ins Bad gehe, um mein Revier zu markieren, dann wundert er sich zwar kurz, begibt sich aber schon einmal zur Tür. Ich nenne das alles jetzt mal Hundenanz.

Als ich heute meinen Kaffee zur Tankfüllung getrunken hatte – ohne Zeitung zu lesen – beschloss ich, mit ihm eine Runde zu drehen, damit er seine Zeitung lesen und seinen Tank leeren konnte. Davor hatte er, wie immer, die Ruhe weg: Wenn wir losziehen, dann freut er sich sowieso, denn es gibt immer viel zu entdecken. Bis dahin konzentriert er sich auf seine Tankfüllung – Tinte für Kommentare zu den Zeitungsartikeln da draußen. Notdurft scheint er nicht zu kennen.

An der Haustür wurde ich aufmerksam, damit er sich auf seine Zeitung konzentrieren konnte: Manche Stellen überflog er kurz, andere Stellen kommentierte er. An manchen Stellen unterstrich er scharrend seinen Standpunkt. Später hat er sogar drauf geschissen; auch da sind wir uns ähnlich.

Dazwischen begegneten wir verschiedenen Wesen und fragten uns alle immer wieder, ob wir uns so grün wie das Gras auf der Wiese und am Ufer des Flusses waren, an dem die Begegnungen stattfanden: Bei einem Knurren fuhren alle hoch, was sich heute nur in einem sich entfernenden Lachen entlud. Bei einem Schwanzwedeln fuhren zwei Vierbeiner freudig hoch und zwei Zweibeiner freudig runter. Die Vierbeiner verwoben sich ineinander und die Zweibeiner waren damit beschäftigt, die Leinen von selbigem abzuhalten. Abgeleint wurde heute noch nicht.

Die zwei Wochen sind noch jung und ich werde jeden Abend ein Körperteil in Vorfreude aus dem Bett hängen.

© metaphrasant 2020-08-23

Kommentare

Bisher gibt es keine Kommentare.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um metaphrasant einen Kommentar zu hinterlassen.