Der Sultan von Brunei

Ostern heißt Familien-Pflichtbesuch. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Da muss man durch! Seit ein paar Jahren fällt mir die Fahrt dorthin zunehmend schwerer, denn der Weg in meine alte Heimat wirft mich automatisch zurück. In Zeiten, in denen ich mit meinen Freunden Spaß hatte, Dummheiten anstellte, erwachsen wurde. Was ich als Kind erlebte, wie ich mit meinem ältesten Freund vor Kreuznattern geflohen war... Ganz automatisch stellen sich Bilder ein. V. Mit ihm bin ich täglich zum Kindergarten, später in die Grundschule. Zu Fuß, denn damals gab es noch keine Helikopter-Mütter. Wir probierten den Kleiderschrank und die Pumps meiner Mutter an und lachten über unsere Verkleidung, spielten herzlich gern mit meinen Barbies und hörten Nena und Vanessa Paradies. Ich bekomme Weinkrämpfe und mein Herz zieht wie ein tonnenschwerer Stein hinab in die Tiefen von Isengart.

Wir haben uns aus den Augen verloren, als ich aufs Gymnasium und er zur Hauptschule ging. Mit 18 zog ich weg, weit weg von Dorf und Autobahnferne. Er blieb und verlobte sich. Ich studierte, jobbte und zog durch die Welt. Zu besonderen Festen trafen wir uns und versprachen, dass es bis zum nächsten Mal nicht so lange dauern sollte. Aber zu verschieden waren unsere Lebensentwürfe. "Besuch mich doch mal in der Stadt", bat ich. "Ach, du bist doch immer woanders", tat er meine Bitte lachend ab. Dann wurde ich sesshaft, kam aus der großen weiten Welt zurück. Und er heiratete, wurde Vater. Ich freute mich für ihn, aber fand keine Zeit, es ihm zu sagen. "Später", dachte ich immer. Später, wenn dieses und jenes besser ist, dann nimmst du dir die Zeit, den besonderen Draht wieder aufzunehmen, den wir damals hatten.

Zwei Tage vor Weihnachten vor einigen Jahren kam der Anruf. "V. ist tot." Ein Vater, Ehemann, Sohn, Bruder. Mein Freund. "Er hat sich erhängt."

Durch meine eher progressive Einstellung nehme ich jeden Menschen wie er ist. Ich werte nicht. Aber ich kam ins Grübeln. Über mein Verhalten. War ich ignorant? Hätte ich ihm helfen sollen, können, müssen? Auszubrechen aus der dörflichen Idylle. Ihm helfen sich zu finden, zu entdecken, auszuleben?

Wir müssen nicht bis nach Brunei blicken, um den größten Feind von Toleranz und gleichgeschlechtlicher Liebe zu entdecken. Sie leben mit uns, unter uns - die Menschen, die verzweifeln; in ihren inneren Gefängnissen sitzen und keinen anderen Ausweg sehen, als sich nur durch den Freitod zu befreien. Wir haben noch viel zu tun. Augen, Ohren und das Herz offenhalten. Zuhören. Hinhören. Jeder Mensch hat das Recht so zu leben, wie er es möchte, es ihn verlangt. Und niemandem steht es zu, darüber zu urteilen. Euch, die ihr noch lebt, rufe ich zu: Brecht aus, entledigt Euch Eures Gefängnisses. Habt keine Angst! Es braucht Mut, aber Ihr seid nicht allein! Gebt nicht auf. Wenn es heute nicht klappt, dann vielleicht morgen. Gebt nicht auf! Nie! Und dir rufe ich zu: Du wirst geliebt, wurdest geliebt und wärest geliebt worden - als der, der du warst: Mensch.

© Mia Caron