Ein Abend mit Sylvester Stallone

Als ich heute Nacht Bradley Cooper bei den Oscars sah, erinnerte ich mich an 1999. Mein damaliger Freund war Student an einer der berühmtesten Schauspielschulen der Welt. Für die Masterclass-Schüler findet regelmäßig eine Art Interview mit Podiumsdiskussion statt - mit ehemaligen Absolventen dieser Schule, die "es geschafft" haben. Eines Abends war Sly zu Gast und mein Freund fragte, ob ich Lust hätte, mitzukommen. Es kostete keinen Eintritt. Ich wusste nicht, was ich mir darunter vorzustellen hatte, aber neugierig wie ich war, ging ich mit. Wir saßen in einem kleinen Theater gegenüber der Schule und warteten. Was kaum jemand weiß: Sly ist einer der ganz Wenigen, der für drei Kategorien eine Oscarnominierung bekam: Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller. Dann kam er herein. Rocky Balboa, Rambo; das Idol all meiner Kumpels und meines Papas. In einem Raum mit mir. Wir atmeten die gleiche Luft ... Seine Stimme gleicht mehr einem tiefen, kratzigem Brummen und hat nichts mit der geschmeidigen deutschen Synchronstimme gemein. Durch seine Gesichtsnervverletzung fiel es mir am Anfang schwer, ihn zu verstehen. Aber alles verblasst hinter dieser besonderen Aura: Dieser Mann ist ein Genie, ein Visionär, Perfektionist. Als Lady Gaga heute Nacht ihre Dankesrede hielt, sagte sie, dass nicht die Niederlagen und Abweisungen zählen, sondern dass man wieder aufsteht und nicht aufgibt. So ähnlich hat Sly es auch gesagt. Sein Leben war ein Kampf, sein Vater sagte: "Da du kein Hirn hast, nutze deinen Körper." Ich war gleichermaßen entsetzt wie fasziniert: Wie kann ein Vater sowas sagen? Für ihn aber war dies Ansporn. Er begann zu schreiben, schrieb wie ein Wahnsinniger. Für sein Skript Rocky hatte er ein Angebot über 20.000 Dollar. Ryan O'Neal oder Burt Reynolds sollten Rocky spielen. Stallone wollte die Hauptrolle aber selbst - nur er verstand die Rolle, niemand außer ihm begriff, wer Rocky war. Man bot ihm 200.000, 300.000 dann 360.000 Dollar - Robert Redford wollte Rocky spielen. Nur zum Verständnis: Er musste damals seinen Hund verkaufen weil er sich das Futter nicht mehr leisten konnte, er hatte nur noch 106 Dollar. Aber er konnte nicht. Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie er weitersprach: Er lehnte ab. Das Studio sagte: Okay, du kriegst deinen Willen, du machst den Film. Writing, directing and acting. Aber wir zahlen dir nur 340 Dollar pro Woche. Am Ende des Drehs hatte er 8.000 Dollar und war überglücklich. Diese Vision, diese Leidenschaft zu teilen, zu spüren, was er gesehen hat - das hat mich echt umgehauen. Rocky wurde für zehn Oscars nominiert. Der Film gewann drei.

Mein Freund und ich sind anschließend durch Regen und Kälte zur U-Bahn gelaufen und ich lernte den Kommilitonen meines Freundes kennen. Er streckte mir die Hand entgegen und lächelte mich an: "Hi, I'm Bradley."

Heute Nacht im Bett hab ich ihm zugewunken. Aber das ist eine andere Geschichte...

© Mia Caron