Eine magische Nacht

Wir waren in der Grundschule ein eingeschworener Haufen. Tochter eines Polizisten, eines Oberstmajors, eines Bergmanns, Söhne von Beamten, Stahlkochern ... wir waren 8 Mädchen und 8 Jungs. Auch danach blieben wir eng verbunden (darum plädiere ich übrigens für eine 6jährige Grundschulzeit). Mit 15/16 hatten wir ein Klassentreffen mit unserer ehem. Lehrerin und entschieden, unsere Klassenfahrt aus der Dritten zu wiederholen. Wir aktivierten unsere Eltern, Zelte, Bier, Holzkohle und fuhren los. Unsere Lehrerin, die schon einige unserer Eltern unterrichtet hatte, brachte ihren Mann mit und ihre zwei Hunde.

In der dritten Klasse hatten wir viel Spaß, mit Taschenlampen und Geistergeschichten. Genau das wollten wir noch einmal erleben. Zunächst waren wir enttäuscht: Was im Alter von zehn Jahren riesig wirkt, ist mit 15-16 plötzlich viel kleiner. Die Herberge hatte keine Zimmer mehr frei, aber wir durften dort zelten.

Vor kurzem fielen mir Fotos dieses Erlebnisses in die Hände: Wie mein Vater zwei Zeltstangen hielt und Verenas Vater die Heringe in den Boden schlug. Wie Marks Vater Holz aufschichtete und Mark zusammen mit Dirk Papier zerknüllte. Wie Katrins Papa mit Janines Papa unter Zeltdächern verschwand und man nur noch wildrudernde Arme sah. Wir haben Tränen gelacht. Wir Mädels hatten Salate geschnibbelt und dann wurde es langsam dunkel. Das Feuer brannte schön, die Papas wollten fahren. Aber ... niemand wollte, dass sie fuhren. Es war so schön, mit unseren Vätern auf der Holzbank rund ums Feuer zu sitzen. Von ihrer Schulzeit zu hören, manche kannten sich - genau wie wir - ihr Leben lang. Unsere Lehrerin hat einige Missverständnisse ausgeräumt: Saschas Vater war viel schlimmer als sein Sohn, obwohl der Papa es genau andersherum empfand.

Wir konnten uns nicht satthören an ihren Geschichten und haben gemeinsam viele Erinnerungen getauscht. Michaels Vater war schon zu unserer Grundschulzeit verstorben und Peters Vater ein paar Jahre danach. Alle Väter und auch wir Kids haben Erinnerungen über die beiden Verstorbenen mit den Jungs geteilt. Jeder von uns hat eine kleine Anekdote zugesteuert. Ganz nebenbei erfuhr Dirks Vater endlich, wer seine Holzhütte abgefackelt - und Bianca, wer Wachs auf ihr Kommunionskleid getropft hatte.

In dieser Nacht war alles vergeben und vergessen. Es wurde getrunken, geschunkelt, umarmt, verstohlen geweint, aber am meisten wurde gelacht. Irgendwann sind wir dann in irgendwelche Schlafsäcke gekrochen, ein paar Väter haben in ihren Autos geschlafen. Am nächsten Morgen haben wir gefrühstückt, zusammengepackt und sind wieder in unsere alten Leben zurückgekehrt; die Väter zu ihren Jobs und Ehefrauen, und wir in unsere Pubertät: Auf Haupt- oder Realschule, oder aufs Gymnasium. Aber in jener Nacht damals, verschwanden die Grenzen der Generationen. In dieser einen magischen Nacht gehörten wir noch einmal alle zusammen. Gemeinsam mit unseren Vätern - und unserer Lehrerin.

© Mia Caron