Mein schönstes Valentinsgeschenk

Drei Wochen. So lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Viel zu kurz, um am Telefon zu jammern, aber zu lang um das Sehnen nach ihm noch länger erfolgreich zu unterdrücken. Morgens, mittags, abends und vor allem nachts. Jede von Menschen erschaffene Zeiteinheit verfluche ich und sammele sie dennoch eifrig an: Die Minuten, die Stunden, die Tage: Wie lange es her ist, dass ich ihn zuletzt gesehen habe und wie lange es noch dauert, bis ich ihn wiedersehen werde. Ich bin wie ein kleiner Planet und er ist die Sonne - alles dreht sich um ihn. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass er ENDLICH wieder hier ist. Bei mir. Ich ihn riechen, schmecken, anfassen kann; mich an seine breite Brust drücken. Sein Atem, der meinen Hals streift, die ganz besondere Stelle in meinem Nacken, deren Berührung mich um den Verstand bringt. Und seine Lippen, die mich den Himmel fühlen lassen.

Ein Anruf zwischen Tür und Angel, gehetzt: "Ich dich auch, mein Engel. - Ja, morgen ist Valentinstag, ich weiß, Engelchen. - Es tut mir mehr weh als dir, ich habe schon fünf Kilo abgenommen, weil ich nichts essen kann. So sehr vermisse ich dich." Ich befehle mir nicht zu jammern, damit er nicht noch mehr Muskelmasse verliert. Containerschiffe auszuladen ist harte körperliche Arbeit, und er braucht jedes Kilo. Muskeln bauen sich schneller ab als fett. Noch so eine Ungerechtigkeit, wenn ich an meinen dicken Hintern denke. Ich gehe früh zu Bett, um mich am nächsten Morgen nicht verheult zur Arbeit zu schleppen. Es nützt nichts. Sein T-Shirt, das ihn nachts ersetzen muss, riecht kaum noch nach ihm. Erst drei Wochen, sage ich mir; andere Frauen verzichten Monate auf ihre Männer. Aber andere bin nicht ich, antwortet mein Dickschädel.

Irgendwann in der Nacht schrecke ich hoch. Ein Geräusch. Mein Herz klopft derart heftig, dass ich Mühe habe, daneben noch andere Geräusche wahrzunehmen. Ich öffne die verquollenen Augen - und sehe eine dunkle Gestalt vorm Bett stehen. Ich blinzle. Mein Herz hat sich mittlerweile aus der Verankerung gerissen und hüpft quer übers Bett der Gestalt entgegen. Ich bin etwas langsamer und sehe die Kerzen, die rund ums Bett aufgebaut sind. Auf dem Weg zu ihm streift mein Blick die Uhr; es ist Viertel nach Zwei. Er ist hier! Mein Alles. Mein Herz. Nackt, wie Gott ihn schuf, steht er vorm Bett, mit einer roten Rose zwischen den Zähnen und einem weißen Schild mit roter Schleife um den Hals, auf dem steht: Sorry, dass ich dich wecke, aber ich liebe dich.

Mein schönstes Valentinsgeschenk.

© Mia Caron