Wenn du heute zur Arbeit gehst, stirbst du

Meine Mutter kommt aus einer Familie, die sich mit Heilkräutern auskennt und viele Schauergeschichten aus alten Zeiten zu erzählen weiß. Den Siebten Sinn hat sie von meinem Opa geerbt, der ihm im Krieg ein paar Mal das Leben gerettet hat.

Ich bin Kind einer Bergmannsfamilie. Nicht Kohle, sondern Erz. Für meine Mutter kam nur ein Bergmann infrage: Opa, Uropa und Ur-Uropa - alles Bergmänner. Also endete Papas Karriere auf dem Sägewerk und er wurde Bergmann.

Für mich war es als Kind nichts Ungewöhnliches, wenn mein Vater verletzt wurde. Mal kam er mit verstauchtem Knöchel nach Hause, mal mit einer geprellten Schulter ... Das war eben so. Es regnete Steine.

Ich erinnere mich an viele Diskussionen zwischen meinen Eltern, weil Mama mal wieder mal "so ein Gefühl" hatte. Normalerweise verdrehte mein Vater dann die Augen, aber ein Tag ist mir im Gedächtnis geblieben. Damals ging ich noch zur Grundschule. Meine Mutter war an jenem Morgen aufgewühlt und ich sah, dass sie geweint hatte. Natürlich fragte ich, was los sei und sie erklärte, dass sie geträumt hätte, Papa würde sterben.

In ihrem Traum löste sich schweres Gestein und begrub meinen Vater darunter. Sie war wachgeworden und hatte beschlossen: "Du gehst heute nicht zur Arbeit." Mein pflichtbewusster Papa war natürlich anderer Meinung und der Streit muss sich hingezogen haben, jedenfalls hat sie sich am Ende - das hätte ihm eigentlich klar sein müssen - durchgesetzt.

Ich weiß noch, wie mein Personalchef Jahre später bei seiner Pensionierung laut Revue passieren ließ, was sein schlimmstes Erlebnis in all den Jahren Bergbau gewesen war: Er war jung und gerade befördert worden, da hatte es einen tödlichen Unfall gegeben. Zu seinen Pflichten gehörte auch, die Angehörigen persönlich zu informieren. Schweren Herzens klingelte er und eine junge, hübsche, hochschwangere Frau öffnete ihm die Tür. Ihre Welt brach zusammen, als er ihr mitteilen musste, dass ihr Mann tödlich verunglückt war. Was er nicht wusste: Er sprach von meiner Tante, ich kannte die Geschichte gut, denn mein zwei Jahre älterer Cousin hat seinen Vater nie kennengelernt. Mama hat auch damals etwas "geahnt" und darum gab Papa sich an jenem Morgen geschlagen.

Ich ging also, wie gewohnt, zur Schule und traf in der Pause auf Thomas, er war in meiner Parallelklasse. Eigentlich mochte ich ihn nicht, er konnte ein Arschloch sein und versteckte zum Beispiel Steine in Schneebällen, mit denen er uns Mädchen bewarf. Aber wenn er nett war, verstanden wir uns prima. Unsere Väter arbeiteten gemeinsam Unter Tage und durch diese enge Freundschaft waren wir gezwungenermaßen auch miteinander verbunden. Ich fragte, ob sein Vater auch zuhause sei. Er verneinte.

Seine Mutter hatte in jener Nacht nichts geträumt.

Papa hat sich jahrelang Vorwürfe gemacht, sich gefragt, ob es etwas geändert hätte, wenn er arbeiten gegangen wär. Mama antwortet dann immer pragmatisch: Ja, dann wärst du jetzt auch tot.

© Mia Caron