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Rollenwechsel

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Rollenwechsel | story.one

Tag für Tag laufe ich morgens, mittags und abends den gleichen ausgetretenen Weg zum Haus meiner Eltern.

Tag für Tag, Stunde um Stunde warten sie, schlafend oder träumend: auf mich, auf meine Brüder. Nicht mehr ganz da, noch nicht ganz dort - wartend auf das Hinübergehen, über die enge Schwelle.

Zusammen sind die Beiden 195 Jahre alt. Alte Menschen würde man meinen. Dem äußeren Anschein und den Jahren folgend mag das so sein.

Ich kenne sie anders.

Nicht mehr die Eltern mit denen ich mich über Alles und Nichts pubertär gestritten habe. Nicht mehr die, an denen ich mich reiben konnte. Auch nicht die, mit denen ich gehadert habe und die ich mit Vorwürfen beschmissen habe, die ich des Besseren belehren wollte.

Diese Eltern sind nicht mehr, ich habe sie verlassen oder gelassen.

Trotz ihrer Schwerhörigkeit verstehen sie mich jetzt und ich verstehe sie. Bloß gegenseitig tun sie sich schwer im Zuschreien von Liebesbezeugungen. Da werde ich zur Dolmetscherin. Manchmal - ich gestehe - übersetze ich so, dass ein seliges Lächeln über ihre Gesichter huscht.

"Mein liebes Töchterlein ist wieder gekommen", empfängt mich mein Vater. Tag für Tag. Sofort erzählt er mir von seinen Träumen, den Guten und den Bösen. Ich sitze an seinem Bett und gemeinsam versuchen wir die Bösen zu verscheuchen und die Guten zu halten.

"Mein liebes Mütterlein, ah mein liebes Töchterlein", spricht es aus ihm, immer öfter. Mein Vater ist nicht dement, er lebt in seiner Innendrinnenwelt. Die Außendraußenwelt ist weit weg, er sieht sie nicht und hört sie schlecht.

Er braucht die Begegnung, um das Außen zu spüren: Er will berührt und angesprochen werden. Er will geliebt werden. Sein Körper zieht sich mehr und mehr in sich zusammen, wird schwächer und kleiner. Sein Geist - manchmal alles verstehend klar und scharf, manchmal weit entfernt und nebelig trüb.

Mein Vater braucht die, die ihn lieben, um zu spüren, dass er noch bei uns ist.

Der Löffel findet seinen Mund nicht mehr, ich muss ihn führen. Er liebt meine Gemüsesuppe - klein gehäckseltes Gemüse, mit Buchweizen und Rollgerste. So eine gute Suppe bekommt nicht einmal der Papst, davon ist er überzeugt.

Ich wische ihm den Mund ab, ich wasche ihn von oben bis unten, ziehe ihn frisch an, wechsle seine Bettwäsche.

Seine Beine gehorchen ihm nicht mehr, ich helfe ihm, sich zu konzentrieren. "Eins...Zwei...Eins...Zwei" zähle ich ihm vor, damit er weiß, dass er seine Beine abwechselnd vorwärts bewegen muss. Er, der noch mit neunzig Jahren im Garten Blumen und Gemüse pflanzte und einige Kilometer durch die Wälder wanderte.

Er der zu Fuß nach Russland ging, wie er mir immer erzählte. Damals als er mich auf seine Füße steigen ließ und mit mir marschierte, als würden wir die Welt umwandern. Heute schaffen wir höchstens zwanzig Schritte gemeinsam -langsam und vorsichtig, damit ihn die Schwäche nicht überfällt.

Lässt er sich dann in sein Bett fallen, bedankt er sich, Tag für Tag - mit den Worten: "Wenn ich dich nicht hätte, wer wäre ich ?"

© MiaDandra 24.04.2020

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