Alles ok

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Alles ok | story.one

Zitternd hielt Doris noch immer das Schreiben in der Hand und starrte wie betäubt auf das weiße Blatt Papier. Der Inhalt besagte in trockenen Worten, dass ihr Vater mit 99 prozentiger Sicherheit nicht ihr leiblicher Vater war. Jetzt hatte sie es also schwarz auf weiß.

Innerlich rang sie mit ihrer Entscheidung, den Test überhaupt gemacht zu haben. Vielleicht wäre es besser gewesen, in beruhigender Unwissenheit über die tatsächlichen Familienverhältnisse, alles so zu belassen wie es war.

Das Ganze hatte an einem Samstagabend vor drei Wochen mit einem Jux im engsten Freundeskreis begonnen. Nachdem reichlich Alkohol geflossen war, tauchte die Frage auf, wessen Stammbaum am weitesten zurückreiche. Elvira, ihre beste Freundin, verkündete stolz, Urenkelin zweiten Grades einer tatsächlichen Freiherrin zu sein. Leo brüstete sich, Nachfahre eines echten Generals einer Partisanengruppe aus dem ersten Weltkrieg zu sein. Boris überbot alle mit dem Bericht, in seinen Adern fließe das Blut der ersten Auswanderer nach Amerika. Alle lachten und meinten ungläubig, woher dann sein russisch klingender Vorname Boris käme. Da erklärte er mit ernster Miene, dass er ursprünglich Bobby heißen sollte, doch dieser Name war bereits an den Familienhund, einer amerikanischen Bulldogge, vergeben. Als die Reihe an Doris kam, meinte Boris etwas hämisch, lang könne ihr Stammbaum nicht sein, da sie ja nicht einmal ihrem Vater besonders ähnlich schaue. Doris giftete zurück, sein Auswandererblut habe offensichtlich einen negativen Einfluss auf seine Denkfähigkeit.

Das Treffen mit den Freunden löste sich trotz der kleinen Spannungen in Wohlgefallen auf; doch bei Doris hatte die Bemerkung von Boris über ihre Unähnlichkeit mit ihrem Vater, ein beunruhigendes Gefühl hinterlassen. Noch am selben Abend unterzog sie ihr Gesicht einer eingehenden Prüfung vor ihrem Spiegel. Zum Vergleich hatte sie ein Foto ihres Vaters neben sich, das ihn bei ihrem letzten gemeinsamen Urlaub zeigte: Ein lachendes Gesicht, gebräunt von der Sonne Spaniens. Es stimmte, Nase und Mund waren tatsächlich von anderer Form und Größe.

Sie teilte ihre Bedenken Elvira mit. Die riet Doris zu einem sofortigen Vaterschaftstest, denn nur so könne sie sich Gewissheit verschaffen. Doris erwarb daraufhin einen Test, legte ein paar Haare ihres Vaters bei, füllte alle erforderlichen Angaben aus und schickte ihn ab, in der Hoffnung, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Jetzt, nachdem ihr diese "Wahrheit" schriftlich mitgeteilt worden war, war ihr elend zumute. Sollte sie mit diesem Ergebnis sofort zu ihrer Mutter laufen und sie um eine Erklärung über ihre tatsächliche Herkunft fragen? Sie anschreien, wer ihr wirklicher Erzeuger war? Warum ihr das bis heute, sie war jetzt 17, verschwiegen wurde? Mit dieser Offenbarung, wäre höchstwahrscheinlich ihr ganzes Familienleben zerstört.

Auf die Frage von Elvira, was der Test ergeben hätte, antwortete Doris knapp: "Alles ok."

© Michael Dold