Geschenke

  • 438
Geschenke | story.one

Beide hatten an fast demselben Tag Geburtstag. Gerda am 18. und Karl am 16. März. Deshalb hatten sie beschlossen, ihren gemeinsamen Geburtstag jeweils am 17. März zu feiern.

Dieses Jahr gab es aber bei beiden leider ein Problem. Karls Werkstätte, er war Automechaniker, musste leider wegen Insolvenz schließen. Gerda, sie arbeitete in einem Kaufhaus in der Weißwarenabteilung, hatte selbst gekündigt. Sie hatte wegen andauernder Übergriffe, ihren Vorgesetzten im Personalbüro gemeldet. Der Personalchef, ein hagerer Misanthrop, meinte süffisant, ein etwas engerer menschlicher Kontakt habe noch nie jemandem geschadet.

Ausser den Einkünften aus ihrer Arbeit, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestritten, hatten beide kein finanzielles Polster. Gerda besaß einzig eine elegante Pelzjacke, ein Erbstück ihrer Mutter, die sie nur im Winter und zu besonderen Anlässen trug. Karls ganzer Stolz war ein cremefarbenes VW-Käfer Cabrio, das er selbst repariert und hergerichtet hatte.

Der Tag ihres gemeinsamen Geburtstages rückte näher und Gerda beschloss, trotz der widrigen Umstände, Karl zu beschenken. Bei einem Kürschner in der Innenstadt hatte sie ein Schild in der Auslage entdeckt, das den An-und Verkauf gebrauchter Pelze anzeigte. Kurz entschlossen bot sie ihr Erbstück zum Verkauf und erhielt eine angemessene Summe. Damit erwarb sie bei einem Elektrohändler das neueste Autoradio. Endlich konnten sie bei offenem Verdeck die Landschaft mit Musik genießen.

Karl macht sich ebenso Gedanken, wie er Gerda zu ihrem 24. Geburtstag überraschen konnte. Er dachte an ihre gemeinsamen Ausflüge im Winter und wie hübsch er sie in ihrer Pelzjacke fand, die einen reizvollen Kontrast zu ihren langen blonden Haaren bildete. Da wäre doch, dachte er, so eine warme Mütze aus Pelz, die ideale Ergänzung. Aber die überstieg natürlich bei weitem seine finanziellen Möglichkeiten. Außer...ja, außer, er trennte sich von seinem geliebten Cabrio. Zumindest vorübergehend, bis die Zeiten wieder besser wurden. Gesagt, getan.

Bei einem Kürschner in der Innenstadt fand er schließlich das Gewünschte. Ein flacher, runder Damenhut aus Pelz, der auch als sogenannter "Pillbox-Hut" bekannt war. Die Verkäuferin bemerkte zur Form des Hutes, dass eine amerikanische Präsidentenwitwe ihn weltberühmt gemacht habe. Deshalb auch der horrend hohe Preis, dachte Karl. Für das restliche Geld kaufte er noch Lebensmittel; Salat, Koteletts und eine gute Flasche Rotwein.

Am Abend ihres Geburtstagsfestes hatte Gerda den Küchentisch mit einer weißen Tischdecke überzogen und die beiden Geschenkpakete hingestellt. Karl ließ Gerda den Vortritt. Sie öffnete ihr Paket und erschrak. Karl deutete dies als Ausdruck der Freude und öffnete sein Geschenk. Auch er konnte seine Überraschung kaum verbergen.

Doch die anfängliche Enttäuschung wich der Freude des gegenseitigen Beschenkens. Danach servierte Gerda die Koteletts mit Salat und Karl öffnete den Wein.

© Michael Dold 13.02.2020